Von Kurt Wendt

Am 5. November wird das Landgericht Stuttgart verkünden, ob die von der Deutschen Bank und ihrem Aufsichtsratsvorsitzenden Hermann J. Abs gegen das Buch von Eberhard Czichon „Der Bankier und die Macht – Hermann Josef Abs in der deutschen Politik“ erwirkte Einstweilige Verfügung aufrechterhalten bleibt. Der Vorstand der Deutschen Bank hatte sich zur Klage gegen den Autor und seinen westdeutschen Verleger Manfred Pahl-Rugenstein entschlossen, weil hier ein „wissenschaftlich aufgemachtes Buch“ die Geschichte der Deutschen Bank und das Persönlichkeitsbild von Abs verfälsche beziehungsweise verletze. „Wenn man nicht dagegen vorginge“, so wird erklärt, „würde dieses Buch bald in allen wissenschaftlichen Archiven stehen und immer wieder zitiert werden. Die Folgen wären unabsehbar.“

Wahrscheinlich hätten der Vorstand der Deutschen Bank und Abs dieses Buch dennoch schweigend hingenommen (ähnlich wie andere „wissenschaftliche Schriften“ dieses Autors), wenn nicht unversehens eine peinliche Zwangslage entstanden wäre.

Das kam so: Eine Kundin der Deutschen Bank, die Studentin Godela R. Rinde aus Marburg löste die Geschäftsbeziehungen zur Deutschen Bank unter Hinweis auf die im Czichon-Buch enthaltenen Behauptungen. Daraufhin erhielt sie von der Filiale der Deutschen Bank einen Brief, in dem es u. a. heißt: „Es handelt sich bei Herrn Czichon um einen Autoren aus der DDR, dessen Buch in allen wesentlichen Punkten sachlich unwahr und beleidigend ist.“ Das Antwortschreiben der Deutschen Bank kam Czichon in die Hände, der den DDR-Staranwalt Professor Kaul beauftragte, einen Widerruf dieser Beschuldigung zu erreichen.

Kaul forderte ultimativ: „Im Auftrage von Herrn Czichon ersuche ich Sie, mir verbindlich zu erklären, daß Sie die erwähnten Angaben in diesem fraglichen Schreiben nicht gemacht haben, beziehungsweise daß Sie diese Erklärungen als unwahr mit dem Ausdruck des Bedauerns zurücknehmen und daß Sie bereit sind, als Buße einen Betrag von 5000 Mark zugunsten des Freiheitskampfes des vietnamesischen Volkes zu zahlen.“

Drei Tage bevor das Kaul-Ultimatum ablief, reichten die Deutsche Bank und Hermann J. Abs die Klage ein. Um den Prozeßstoff nicht auswuchern zu lassen, forderten beide nur in 20 Punkten das Verbot der Weiterverbreitung, behielten sich aber vor, die Zahl der Klagepunkte jederzeit zu erweitern, was inzwischen von 20 auf 30 geschehen ist. Um dem Gericht zu beweisen, wie leichtfertig (oder bösartig) Czichon gearbeitet hat, macht sich die Deutsche Bank anheischig, allein auf den Seiten 4 bis 19 seines Buches 100 Fehler herauszufinden.

Über den wissenschaftlichen Wert des Czichon-Buches hatte schon am 14. August 1970 in der ZEIT Professor Wilhelm Treue, Ordinarius für neuere Geschichte an der Universität Göttingen, ein vernichtendes Urteil gefällt. Er bedauerte es, daß der Autor, der freien Zugang zu den Archiven in der Bundesrepublik und in der DDR hatte, sich dieser Möglichkeiten offensichtlich nicht so bedient habe, wie es von einem Historiker hätte erwartet werden müssen. Treue entdeckte viele Sachfehler, Irreführungen, Entstellungen und sogar Erfindungen, „so daß auch der historische Laie merkt, worum allein es Czichon geht: Über die Geschichte der Deutschen Bank hinaus will er die Bank und einen ihrer prominentesten Vertreter politisch angreifen.“