Werden die Reichen immer reicher, weil die Armen immer ärmer werden?

Von Marion Gräfin Dönhoff

Am 24. Oktober haben die Vereinten Nationen ein strategisches Dokument veröffentlicht, das der zweiten Entwicklungsdekade, die am 1. Januar 1971 beginnt, als Grundlage dienen soll.

Zum erstenmal haben Industrieländer und Entwicklungsländer darin gemeinsam ein Programm entwickelt, das sich die Veränderung der Welt zum Ziel setzt – wirklich der ganzen Welt, nämlich der entwickelten und der noch zu entwickelnden Länder. Freilich besteht einstweilen keine rechte Einmütigkeit über die Kausalität: Die einen sagen, die Verhältnisse in den Industriestaaten müßten verändert werden, damit die notwendigen Veränderungen in der Dritten Welt möglich werden, die anderen meinen, die Strukturveränderungen, die in den Entwicklungsländern vor sich gehen, würden rückwirkend bei den Industrieländern grundlegende Veränderungen auslösen.

Zweifellos wird die Konfliktsituation, in der wir leben, nirgends so deutlich wie an der Entwicklungshilfe. In der modernen Gesellschaft, gleichgültig, ob man sie als Industriegesellschaft oder als Leistungsgesellschaft typisiert, ob man die des Ostens oder des Westens meint – in ihr ist alles auf Effizienz, Wachstum und Rationalität abgestellt. Für Wohltätigkeit ist kein Platz.

Entwicklungshilfe because it is right – weil sie sein muß, wie Kennedy einst formulierte, derlei moralische Gesichtspunkte werden zwar als langfristiges Ziel akzeptiert, aber kein wirtschaftlicher Manager kann Kapital, Anlagen oder Produkte verschenken. Denn er liegt ja im Wettbewerb mit Konkurrenten, muß überstehen, Zinsen garantieren, Wachstum nachweisen, sonst geht er unter. Und auch im Osten wird nichts verschenkt. Darüber wachen schon die Einpeitscher, die für Erfüllung des Plansolls zuständig sind. Es sei denn, wirtschaftliche Geschenke brächten politischen Einfluß: SAM-Raketen gegen Mitspracherecht im Nahen Osten.

Gefälle von Nord nach Süd