Von Adelbert Reif

ADELBERT REIF: In Ihrer Studie „Macht und Gewalt“ gehen Sie an mehreren Stellen auf die revolutionäre Studentenbewegung in den westlichen Ländern ein. Eines bleibt dabei letzten Endes unklar: Sehen Sie in der studentischen Protestbewegung überhaupt. einen historisch positiven Vorgang?

HANNAH ARENDT: Ich weiß nicht, was Sie mit „positiv“ meinen. Ich nehme an, Sie meinen: bin ich dafür oder bin ich dagegen ... Gewisse Ziele der Bewegung, vor allem in Amerika, wo ich sie besser kenne als anderswo, habe ich begrüßt, anderen stehe ich neutral gegenüber, und gewisse halte ich für gefährlichen Unsinn – wie etwa die Politisierung und Umfunktionierung der Universitäten und ähnliche Dinge. Nicht aber das Mitbestimmungsrecht, das ich durchaus in gewissen Grenzen bejahe. Aber lassen wir das einmal, im Moment beiseite. Wenn man von allen national bedingten Unterschieden, die natürlich sehr groß sind, absieht und nur berücksichtigt, daß es sich hier um eine internationale Bewegung handelt – etwas, das es in dieser Form nie zuvor gegeben hat –, und wenn ich mir dann überlege, was eigentlich diese Generation in allen Ländern (abgesehen von Zielen, Meinungen, Doktrinen) von früheren Generationen unterscheidet, dann fällt mir als erstes die Entschlossenheit zum Handeln oder die Lust am Handeln auf, nämlich die Zuversicht, die Dinge aus eigener Kraft ändern zu können. Das äußert sich natürlich in den verschiedenen Ländern ganz verschieden, gemäß den jeweils verschiedenen politischen Verhältnissen und geschichtlichen Traditionen, was auch bedeutet: gemäß den national sehr unterschiedlichen Begabungen für Politik. Doch davon möchte ich erst einmal absehen.

Lassen Sie uns kurz den Anfängen dieser Bewegung nachgehen: Sie entstand in Amerika recht unerwartet in den fünfziger Jahren, also noch zur Zeit der sogenannten „silent generation“, der apathischen, schweigenden Generation. Der unmittelbare Anlaß war die Bürgerrechtsbewegung im Süden des Landes, und die ersten, die sich ihr anschlössen, waren Studenten von Harvard, die dann Studenten der berühmten Universitäten des Ostens nachzogen. Sie sind nach dem Süden gegangen, haben sich glänzend organisiert und hatten eine Zeitlang ganz ungewöhnliche Erfolge, solange nämlich, als es sich nur darum handelte, das Meinungsklima im Lande zu ändern – was ihnen entscheidend gelang, in sehr kurzer Zeit – und bestimmte Gesetze und Verordnungen der Südstaaten abzuschaffen, mit einem Wort: solange es um rein legale politische Dinge ging. Dann sind sie auf die ungeheuren sozialen Nöte der Gettos in den Städten im Norden gestoßen – und da sind sie gescheitert, da konnten sie nichts machen.

Erst später, nachdem sie das, was man durch rein politisches Handeln erreichen konnte, tatsächlich erreicht hatten, begann die Sache mit den Universitäten. Es fing in Berkeley an mit dem Free Speech Movement, und wieder waren die Erfolge ganz ungemein. Von diesen Anfängen und vor allem von diesen Erfolgen datiert alles, was bis heute um die Welt gelaufen ist.

In Amerika macht sich diese neue Zuversicht, daß man Dinge, die einem nicht gefallen, ändern kann, gerade in Kleinigkeiten bemerkbar. Typisch war zum Beispiel eine vergleichsweise harmlose Konfrontation vor einigen Jahren: Da streikten Studenten, als sie erfuhren, daß die unteren Angestellten der Universität nicht tarifmäßig bezahlt wurden – mit Erfolg. Es war im Grunde ein Akt der Solidarität mit „ihrer“ Universität gegen die gerade amtierende Administration. Oder: Sie wissen vielleicht, daß in Amerika kürzlich die Studenten von den Universitäten Urlaub verlangt haben, um an der Wahlkampagne teilnehmen zu können, und daß eine ganze Reihe der größeren Universitäten ihnen diesen Urlaub zugebilligt haben. Das ist eine politische Tätigkeit außerhalb der Universität, die aber von der Universität ermöglicht wird, weil die Studenten auch Bürger sind. Dies halte ich für sehr positiv. Nun gibt es jedoch andere Dinge; die ich für viel weniger positiv halte, worauf wir noch zu sprechen kommen werden.

Grundsätzlich steht die Frage: Was ist eigentlich passiert? Wie ich es sehe, ist seit sehr langer Zeit zum erstenmal eine spontane politische Bewegung entstanden, die nicht nur Propaganda treibt, sondern handelt, und zwar nahezu ausschließlich aus moralischen Motiven. Dadurch ist eine für unsere Zeit neue Erfahrung ins Spiel der Politik gekommen. Es stellte sich nämlich heraus, daß das Handeln Spaß macht: diese Generation hat erfahren, was das 18. Jahrhundert „public happiness“, das Glück des öffentlichen, genannt hat. Das heißt, daß sich dem Menschen, wenn er öffentlich handelt, eine bestimmte Dimension menschlicher Existenz erschließt, die ihm sonst verschlossen bleibt und die irgendwie zum vollgültigen „Glück“ gehört.