In der letzten Dekade dieses Monats kam es auf den deutschen Aktienmärkten zu einer überraschenden Aufwärtsbewegung. Ausgelöst wurde sie durch Käufe ausländischer Anleger, hauptsächlich aus Zürich und Paris. Obwohl die Käufer ihre Aufträge dosierten, konnten sie einen Anstieg der Kurse nicht verhindern. Nutznießer dieser Bewegung waren vor allem Siemens, aber auch AEG und die drei großen Unternehmen der Chemie, BASF, Bayer und Hoechst

Zinserwägungen haben diese Kaufwelle zustandegebracht. Der Zentralbankrat hat sich auf seiner letzten Sitzung zwar finster entschlossen gezeigt, die Restriktionen nicht eher zu lockern, bis auf dem Gebiet der Tarifauseinandersetzungen die Vernunft zurückgekehrt ist, aber man weiß nur zu genau, daß die Bundesrepublik auf die Dauer kein Hochzinsland bleiben kann und daß man den Zins auch bei uns senken muß, will man nicht an kurzfristigem Auslandsgeld ersticken. Für die Börsianer ist die Diskontsenkung nur noch eine Frage der Zeit. Bevor die öffentlichen Hände nicht mit der ÖTV zu einem Tarifabschluß auf „angemessener Basis“ gekommen sind, wird die Bundesbank allerdings kein grünes Licht für billigeres Geld geben.

Aber was geschieht mit den Kursen nach der Zinssenkung? Keine Hausse steht auf einem Bein. Wenn die Aufwärtsbewegung von einiger Dauer sein soll, muß Aussicht auf einen Stopp des Gewinnschwundes bei den Unternehmen bestehen. Und damit ist es vorerst noch schlecht bestellt. Wir müssen abwarten, wie sich im kommenden Jahr die Konjunktur entwickelt. Wird sie lebhafter und lassen sich steigende Kosten auf die Preise abwälzen, wird man wahrscheinlich zu dem Schluß kommen, daß die deutschen Kurse einigen Platz nach oben haben.

Die freundlichen Börsentage haben die ceutschen Fonds-Manager nervös gemacht. Nachdem die Ausländer die deutschen Kurse in Bewegung gebracht hatten, gingen einige Fonds aus ihrer Reserve heraus und engagierten sich vornehmlich in den Versorgungswerten, in Kaufhaus- und Bankaktien. Aber auch hier sind die Märkte eng geworden. Für die leidgeprüften Horten-Aktionäre, die zu Beginn des Jahres 230 Mark für eine Aktie zahlen mußten und im Anschluß daran mit diesem Papier in den „tiefen Börsenkeller“ gegangen sind, war der letzte Montag ein Freudentag: Erstmals ist der Ausgabekurs wieder erreicht worden! Kaufhäuser werden mit Sicherheit Nutznießer der von der Inflationsfurcht angeheizten Konsumwelle werden.

Das deutsche Publikum hat sich mit Kaufaufträgen noch weitgehend zurückgehalten. Es, mißtraut der Dauerhaftigkeit dieser Bewegung und fürchtet, zum falschen Zeitpunkt einzusteigen. Mit dieser Meinung befindet es sich in guter Gesellschaft. Denn auch die Kreditinstitute gehen beim Aktienkauf auf eigene Rechnung nur behutsam vor. Sie wissen nur zu genau, daß die jetzt ins Ausland abgewanderten deutschen Aktien schon morgen wieder zurückkommen können und dann eine neue Baisse-Bewegung auslesen müssen.

Am Rande sei vermerkt, daß die von der Bundesregierung veröffentlichten Pläne einer Gewinnabgabe für große Unternehmen zugunsten ihrer Arbeitnehmer von den Anlegern nicht einmal diskutiert worden sind, obwohl ihre Verwirklichung die Abwanderung deutschen Kapitals ins Ausland beschleunigen muß. Bonner Pläne – das weiß man inzwischen – haben nur selten eine Chance, verwirklicht zu werden. K. W.