Von Adolf Metzner

Dr. Dirk Ciasing, ein Sportmediziner von der Universität Münster, sorgte jetzt für Schlagzeilen in der Boulevardpresse, als er den bundesdeutschen Kickern das verwerfliche Doping vorwarf. Das Peinliche an dem entfachten Wirbel: Der Münsteraner Arzt ist bis jetzt die Beweise für seine massiven Vorwürfe schuldig geblieben und vertritt dafür die merkwürdige These, die Beweislast liege bei den Bundesligavereinen. Kein Wunder, daß dort die Entrüstung „total“ ist. Dr. Gösmann, Präsident des Deutschen Fußballbundes (DFB), Rechtsanwalt in Osnabrück, hat Dr. Clasing bereits ein Gerichtsverfahren wegen Verleumdung angedroht, über das in dieser Woche mit dem Vorstand des Bundesligaausschusses sowie Helmut Schön, Professor Dr. Schoberth, Ordinarius für Orthopädie und ärztlicher Betreuer der Nationalmannschaft und DFB-Masseur Erich Deuser beraten werden soll.

Aber auch aus den Reihen der Kollegen Dr. Clasings kam mehr Tadel als Unterstützung, denn es fehlt vorläufig nicht nur an Beweisen, sondern das Beispiel Fußball war als Zielscheibe für Dopingvergehen recht unglücklich gewählt. Nicht, weil die Fußballer Engel wären und aus moralischer Überzeugung nur himmlischen Nektar, aber beileibe keine aufputschenden Drogen zu sich nähmen, sondern deshalb, weil sich das Fußballspiel nach seiner ganzen Belastungsart mit vielen Intervallen und infolge seiner ständig wechselnden Szenerie, die eine ständig wechselnde Beanspruchung der Sinnesorgane und des Nervensystems bedingt, für Doping relativ schlecht eignet.

Aber der 35jährige Sportmediziner wollte, wie er sagte, bewußt schockieren – also griff er sich zwar die Falschen, aber jene, die am populärsten sind und auch am stärksten protestieren würden. Diese Methode ist, das muß festgestellt werden, auf dem Feld der Sportmedizin, das ja hin und wieder auch etwas vom Staub der Arena belästigt wird, zumindest ein Novum, will man sie nicht schärfer qualifizieren.

Doping ist am wirkungsvollsten bei kurzdauernden Maximalleistungen und bei langdauernden Optimalleistungen, die sich durch einen gleichförmigen, sich wiederholenden Bewegungsablauf auszeichnen. Sucht man nach Dopingsündern, wird man zuerst zu den Schwer- und Leichtathleten und zu den Radrennfahrern gehen müssen. Gerade bei den letzteren, wo manchmal sogar wochenlang dauernde Rundfahrten und die Sechs-Tage-Rennen mit ihren Übermüdungseffekten stattfinden, ist die Verführung, zu Weckaminen zu greifen, besonders groß.

Mit Schocktherapie am falschen Patienten wird da allerdings kaum geholfen. Die Sportmediziner unter Führung des Deutschen Sportärztebundes sollten den bereits so erfolgreich beschrittenen Weg konsequent weitergehen und die in Stichproben vorgenommenen Dopingkontrollen wenigstens bei den gefährdeten Sportarten zur Regel werden lassen. Hierbei dürfte eine Verwirklichung des Vorschlags des Freiburger Universitätsdozenten Dr. Keul, der sich besonders mit Dopingfragen beschäftigt hat, ein staatliches Laboratorium zu schaffen, an dem unter anderem die modernen Nachweisverfahren der Chromatographie zur Verfügung stehen, von großem Nutzen sein.

Man kann nun darüber streiten, ob die Bundesliga-Fußballer überhaupt zu dem Kreis jener gehören, bei denen regelmäßig Urin-Dopingkontrollen vorgenommen werden sollten. In Mexico City bei der Weltmeisterschaft war dies der Fall, und dort ist kein gravierender Nachweis eines Dopingvergehens erfolgt. In Italien, wo die erste Liga regelmäßig kontrolliert wird, ist seit 1964, als bei sechs Spielern des F. C. Bologna im Urin Dopingmittel gefunden wurden, kein weiterer Dopingskandal mehr vorgekommen.