Von Hannelore Schütz-Doinet

Fürsteneck! Passau

Pfarrer Georg Stetter, katholischer Seelsorger bei Passau, gibt Rat. „Man sollte“, so empfiehlt er, „endlich mit der Sache aufhören“, man sollte „keine dummen Fragen mehr stellen“, und überhaupt: ihn ginge das Ganze gar nichts an. Doch der Staatsanwalt von Passau sieht es anders. Er hat gegen den geistlichen Herrn Stetter 1800 Mark Geldstrafe beantragt: Wegen Volksverhetzung, wie es in den Akten heißt. Die Fürstenecker Gläubigen sehen es wieder anders: „Weil unser Herr Pfarrer zu uns gehalten hat.“

Der Strafantrag kam genau an dem Tag, an dem vor einem Jahr das Dorf Fürsteneck den Beinamen „das grausame Dorf“ erhielt. Denn im Namen des Fremdenverkehrs und unter Führung des Herrn Pfarrers hatten dort die Einwohner geistig gestörte Kinder, die in Fürsteneck schlicht „Deppen“ heißen, aus dem Ort vertrieben, den Heimleiter zusammengeschlagen und Freibier getrunken, während die „Aumühle“ niederbrannte, die „Aumühle“, die, so monieren die Fürstenecker, „seit eh und je“ Stätte des Fremdenverkehrs war und aus der ein jüdischer Arzt namens Fritz Loew einfach ein Kinderheim machen wollte, bloß weil er die Gebäude für 410 000 Mark vom Bischöflichen Ordinariat in Passau gekauft hatte.

Nach einem Jahr mühevoller Ermittlungen gab die Staatsanwaltschaft auf. 67 Ermittlungsanträge wurden eingestellt, der Brandstifter nicht ermittelt. Guten Gewissens kann der Staatsanwalt nur eines preisgeben: Seelsorger Stetter habe zugegeben, das Wort „Saujude“ öffentlich und laut gebraucht zu haben.

Sein rundes Gesicht ist rot angelaufen, er spielt nervös mit einem Kugelschreiber. „Sie wollen wissen, ob das da vor einem Jahr christlich war?“ fragt er und sagt, daß das eine „besonders dumme Frage“ sei. Denn: „Das hat mit christlich nichts zu tun.“ Der geistliche Herr weiß die Kanzel sehr wohl vom Fremdenverkehr zu trennen.

Daß dieser Geistliche sich noch heute in Fürsteneck um Seelen sorgt, verdankt er nur seinen Schafen. Denn der Bischof wollte ihn versetzen, und die Polizei sperrte ihn in Untersuchungshaft. Doch der von Passau geschickte Ersatzpfarrer predigte vor leeren Bänken, und im Gefängnis war Pfarrer Stetter nicht viel nachzuweisen. Außer vielleicht, daß er „gelogen“ habe. Denn was er von der Kanzel herab beteuerte („Ich habe nicht das geringste mit der Affäre des Kinderheims Aumühle zu tun“), nahm er mit „subjektiven Einschränkungen“ zurück und gab zu, dabeigewesen zu sein, als der Heimleiter krankenhausreif geschlagen wurde.

Die Fürstenecker, die von den „Fremden“ leben, sind Fremden gegenüber mißtrauisch, die Fragen stellen. Von vornherein beteuert jeder, er sei kinderlieb. Niemand hatte etwas gegen kranke Kinder. Ein Jahr nach der „Sach“ kamen jedoch weniger Fremde als je zuvor nach Fürsteneck. Und der Arzt aus Wiesbaden ist da ein schwacher Trost. Beim Bier versichert er den Fürsteneckern, sie hätten richtig gehandelt: „Ich wäre nicht mehr gekommen, hätte ich im Urlaub solche Kinder hier sehen müssen.“

Das „grausame Dorf“ ist zum schweigenden Dorf geworden. Sein Nachrichtendienst, so brüstet sich der Landmaschinenhändler Brüning – für den Staatsanwalt der zweite Volksverhetzer in Fürsteneck –, „funktioniert gut“. Reporter werden auf Schritt und Tritt überwacht. „Hinter den Kulissen“ weiß man, wo sie sind, was und wen sie fragen, und was sie schon gehört haben.

So auch bei uns. Nach dem Pfarrer besuchen wir die Aumühle. Kaum angekommen, klingelt dort das Telephon. Die Bedienung hebt ab. „Ja“, sagt sie und blickt zu uns, „sie sind da.“ Dann, nach einer kleinen Pause, wird ihre Stimme etwas lauter und devot: „Aber selbstverständlich weiß, ich von nichts, von nichts weiß ich.“ Sie lächelt zag: „Sie werden am Telephon verlangt.“ Am anderen Ende der Leitung ist Heinrich Brüning. Er weiß bereits, daß wir vor wenigen Minuten beim Pfarrer waren: „Wir wollen nur sagen, daß wir nichts sagen. Das Dorf hält zusammen wie ein Mann, da sagt keiner was. Und zum Bürgermeister brauchen sie erst gar nicht zu gehen, der sagt auch nichts.“

Nur noch eine Frage beschäftigt die Bürger von Fürsteneck: wie es jener Dr. Loew und die „Deppenkinder“ doch geschafft haben. Nachdem man sie von Fürsteneck vertrieben hatte, schenkte ihnen der Bürgermeister von Wieseth im Landkreis Feuchtwangen ein Grundstück. Wieseth hatte daraufhin eine gute Presse. Nur – das Grundstück gehörte gar nicht der Gemeinde, und der Bürgermeister trat daraufhin zurück. Dr. Loew zog nach Kollnburg im Landkreis Viechtach. Und dort vollzieht sich etwas, das die Fürstenecker nachdenklich stimmt. Denn das Kinderheim, das der Arzt dort gründete, floriert, und selbst eine Kommission des Landrats konnte nichts Nachteiliges entdecken.

Pfarrer Stetter empfiehlt, doch lieber einmal die „zweifelhafte Persönlichkeit dieses Doktor Loew zu durchleuchten“, anstatt immer auf dem Dorf und ihm, dem Pfarrer, „rumzuhacken“. Schließlich sei heute von Fürsteneck nur Gutes zu berichten, manches sei geschehen, zum Segen des Dorfes und ohne Dr. Loew: Vom kommenden Jahr an hat ein norddeutsches Reisebüro der Fürstenecker Interessengemeinschaft versprochen, elf Monate im Jahr 45 Betten zu belegen. Und jetzt denken die Fürstenecker sogar daran, einen Kinderspielplatz in der „Aumühle“ zu bauen.Selbstverständlich für gesunde Kinder.