Von Karl-Heinz Wocker

London, im Oktober

Sie geben mir genau das, was ich verlange, Chef, keinen Penny mehr und keinen Penny weniger“, sagt Shaws legendärer Londoner Müllkutscher Doolittle zu dem perplexen Higgins, dem er fünf Pfund im Tausch gegen seine Tochter abluchsen will. Doolittles Nachfahren, die derzeit nicht nur wenig, sondern gar nichts tun, verlangen eine Zulage von 55 Shilling (etwa 24 Mark) pro Woche für ihre Arbeitskraft, nicht mehr und nicht weniger. Ihr Druckmittel fällt ins Auge und steigt allmählich auch in die Nase: Berge von Müll in den Straßen. Zwar streikt von den 770 000 städtischen Arbeitern nur etwa jeder zwölfte. Ganze Gebiete in Großbritannien kennen den Streik nur aus der Zeitung. Andere aber leiden seit Wochen darunter. Oder leiden sie gar nicht so sehr?

Verfolgt man den Gleichmut, mit dem in manchen Londoner Vierteln die Passanten über die Kartons und Säcke steigen, die sich mehr und mehr von der Häuserwand an den Straßenrand vorarbeiten, so muß man daran zweifeln, ob dies ein „nationaler Skandal“ ist. Aus den Zeitungen ist der Streik an manchen Tagen schon fast ganz verschwunden. Die Erregung über eine mögliche Seuchengefahr war in der ersten und zweiten Woche des Ausstandes stärker als in der dritten. Nachdem alle Fachleute bedenklich das Haupt geschüttelt und im Fernsehen ihre Meinung gesagt hatten, war dieser Teil der Sache abgetan, obwohl die Hügel um die Mülltonnen wuchsen und die Flüsse weiter verschmutzten.

Anfangs war das anders. Da wurde jeder Ostlondoner Rattenfänger erwähnt, der – als städtischer Arbeiter – sein lebenswichtiges Handwerk einstellte. Da war von Beerdigungen zu lesen, die nicht zustande kamen, weil die Sargträger oder die Krematoriumsheizer streikten. Da gab es traurige Geschichten von Ganztagsschulen, in denen mittags das Essen aus der Stadtküche nicht angeliefert wurde, weil die Fahrer ebenfalls zu Hause saßen. Vielen Hausfrauen wurden plötzlich ungewohnte Esser an den Tisch getrieben. Aber irgendwann waren all diese Geschichten einmal berichtet, und Katastrophen nutzen sich so ab wie Schönwetternachrichten. England mußte sich mit der Katastrophe einrichten.

An den Plakatwänden tauchten Hinweise auf provisorische Müllplätze auf. Die geplagten Wohlstandsfamilien, die seit vielen Monaten auf eine Gelegenheit warteten, wie sie alte Matratzen und verbrauchtes Möbelzeug, Kisten und Metallkram, kurz, all das wegschaffen könnten, was die Müllmänner nie oder nur gegen Doolittlesche Schmiergelder mitnehmen, lasen entzückt, daß im Park um die Ecke eine „Temporary Refuse Site“ eröffnet worden war. Kolonnenweise schoben sich fortan die Wagen am Wochenende zu den Notkippen. Andere Plakate erklärten, wo man große schwarze Plastiksäcke bekommen könne, um den Müll ordentlich zu verstauen. Manche Stadtgemeinde versorgte ihre Bürger auf diese Weise bis zum nächsten Streik mit Mülltonnenersatz.

Diese Improvisationskunst war die Lehre aus dem vorigen Ausstand der Müllmänner. So chaotisch es auch in den Ladenstraßen und um manche Warenhäuser aussehen mag, wo der Wind Berge von Verpackungsmaterial umherwirbelt und der Regen das Seine beiträgt, so sauber stehen in manchen Vorstädten neben dem Gartentor die schwarzen Unratsäcke aufgereiht und warten auf den Tag. Leute, die ihren Ehrgeiz daran setzen, in industrieller Nachbarschaft stets frisch und bunt gestrichene Türen und Fensterrahmen vorzeigen zu können, lassen auch den Abfall nicht wild wachsen. Ordnung muß sein, und wenn es im Chaos ist.