Von Stefan Lazar

Für Deutschland ist er eine kleine Welle im großen Flüchtlingsstrom – ein Mensch, der in Freiheit leben wollte. Für Ungarn ist er ein Deserteur – ein Verräter, der seine Heimat im Stich ließ. Über dieser tiefen Kluft zwischen beiden Auffassungen balanciert der zwischen Fußballspieler Zoltan Varga, einst ständiges Mitglied der ungarischen Nationalmannschaft, heute bei Hertha BSC Berlin unter Vertrag. Der Weg vom rot-weiß-grünen zum blau-weißen Trikot war für Varga ein nervliches Spießroutenlaufen.

Mexiko 1968. Während die verschiedenen Delegationen die letzten Vorbereitungen für den Beginn der Olympischen Spiele treffen, explodiert im ungarischen Quartier ein Zeitzünder. Der Dirigent der Fußballnationalmannschaft, die ihren in Tokio erworbenen Titel erfolgreich verteidigen will, verschwindet spurlos und taucht nicht wieder auf. Schockiert telegraphiert die Delegationsleitung nach Budapest: „Zoltan Varga ist abgesprungen!“ Die unisono gestimmte ungarische Presse reagiert mit wütenden Angriffen, stempelt den jungen Mann zum Fahnenflüchtigen, der seinen olympischen Eid gegenüber der Volksrepublik brach und schwört öffentlich Rache. Auch ein großer Teil der sportbegeisterten Magyaren bricht den Stab über ihn. Der Vorwurf, die anderen vor dem Turnier und nicht erst hinterher verlassen zu haben, ist ausschlaggebend. In diesen Tagen kennt niemand die wahren Hintergründe.

Varga trat die Reise nach Mexiko mit einem Sammelpaß an. In der Hierarchie der ungarischen Bürokratie erhält zufällig auch seine Frau die Ausreisegenehmigung nach Holland, die jedoch noch vor Beendigung der Olympischen Spiele abläuft. Sie ist schwanger. Mit ihrem Mann und ihrem Kind würde sie kaum noch einmal die Möglichkeit haben, ins westliche Ausland zu reisen. Es muß also gehandelt werden. Varga will kein Risiko eingehen und taucht unter.

Obwohl die Mannschaft auch ohne ihn die Goldmedaille gewinnt, reagiert der ungarische Fußballverband scharf und spricht durch die FIFA eine zweijährige Sperre aus. Viele halten diesen Schritt für einen Witz, denn eigenmächtige Vereinswechsel werden auf Grund der Bestimmungen mit einem einjährigen Verbot bestraft. Doch die ungarischen Funktionäre lassen sich nicht vom Verstand, sondern vom Gefühl leiten. Man will den Verlust des Spielers nicht hinnehmen, um den die neue, verjüngte Nationalmannschaft der Magyaren hätte aufgebaut werden können.

Vargas Talent steht außer jedem Zweifel, seine menschlichen Qualitäten übertreffen eindeutig das oft skandalöse Verhalten der übrigen Stars. Er ist und war der Mann der Zukunft, und man will ihn wiederhaben. Der Feldzug der Haßliebe ist einfach: kein Profiverein des Westens ist bereit, einen Spieler zu verpflichten, der für zwei Jahre zur Untätigkeit verurteilt ist. Die Sorgen, die Existenzschwierigkeiten, der Hunger werden ihn wieder nach Hause treiben.

Inzwischen ist Varga schon in Belgien. Sein Glück mit der Familie ist kurz, denn bei Standard Lüttich hat die Taktik aus der Heimat Erfolg. Man kümmert sich wenig um ihn. Varga fühlt sich allein gelassen und greift sofort zu, als Wolfgang Holst, zweiter Vorsitzender der Hertha, vor ihm steht und ihn nach Berlin holen will. Über einen der freien Luftkorridore fliegt Zoltan Varga der nächsten Enttäuschung entgegen. Der Berliner Bundesligist will ihn nicht haben. Für den Vorstand sind die zwei Jahre Wartezeit zu lang, zu unsicher. Varga aber gibt nicht auf und wendet sich an die FIFA, an Sir Stanley Rous. Der Hilferuf bleibt ungehört.