Vom Buchverlag zum Multimedien-Verlag

Von Dieter E. Zimmer

In neueren Statements erklärte der rheinlandpfälzische Kultusminister Bernhard Vogel, was ihn bewogen hätte, mit dem ZDF das Projekt Universitätsfernsehen zu forcieren: Nicht etwa die Hoffnung, auf billige Weise das Kapazitätsproblem der Hochschulen zu beheben; nicht der Wunsch, über ein von den Rundfunkanstalten produziertes oder mitproduziertes Lehrprogramm dem Staat ein direkteres Eingreifen in die Lehrverhältnisse der Hochschulen zu ermöglichen; nicht das Bedürfnis, sich oder seine Partei als Herold moderner Technologie zu profilieren; nicht die Absicht, die paralysierten Universitäten zu didaktischen und organisatorischen Innovationen zu zwingen – nichts von all dem, was Freunde und Feinde gemutmaßt haben. Es war, sagte Vogel, die Furcht vor der „Kassette“ – die Entwicklung der multimedialen Lehrsysteme der Zukunft sollte nicht allein der Privatwirtschaft überlassen bleiben, die öffentliche Seite sollte mit von der Partie sein.

Nun hat allerdings zu der Zeit, als Vogels Aktivitäten begannen, noch niemand außer einigen Technikern an die AV-Kassette gedacht; es müssen also wohl doch andere Gründe den Ausschlag gegeben haben. Seit einem knappen Jahr aber stellt die elektronische Industrie einigermaßen billige, unkomplizierte und farbtüchtige Audivisionskassetten oder -platten vor, die es zwischen 1971 und 1973 zur Serienreife bringen werden. Bis sie in ihren Leistungen und im Preis miteinander verglichen werden’können, werden noch ein paar Jahre vergehen. Fest aber steht jetzt schön, daß auch die als erste serienreifen, relativ teuren Systeme, bei denen entweder relativ winzige (EVR) oder normale Super-8-Filmbilder (Spectra-colorvision) elektronisch abgetastet werden, wahrscheinlich auf ihre Kosten kommen. Sie werden es, weil vor allem im Bereich der industrieeigenen Berufsfortbildung eine große Nachfrage nach derartigen Systemen besteht und man dort nicht warten wird, bis billigere Systeme wie die Bildplatte oder „Selectra Vision“ da sein werden.

Schöner lernen

Ein Wundermittel gegen alle möglichen Bildungsnotstände ist „die Kassette“ nicht. Sie bietet, die Möglichkeit, Filme oder auf andere Weise aufgezeichnete Laufbilder auf dem Fernsehschirm zu betrachten das ist alles. Andererseits sollte sie auch nicht unterschätzt werden: Sie macht den audiovisuellen Unterricht unabhängig von starren Sendezeiten, und wenngleich im sachgerecht kombinierten Medienverbund solche audiovisuellen Programme nur einen kleinen Teil des Unterrichts, wahrscheinlich nie mehr als 20 Prozent, ausmachen werden, dürfte das Lernen vor dem Bildschirm anders als das Lernen aus dem Buch in besonderer Weise animierend, stimulierend, „motivierend“ wirken. Wo immer jemand ganz für sich etwas dazulernen möchte, wird die Kassette ein sehr wichtiges Medium werden. Einige Programmproduzenten visieren darum auch von vornherein vornehmlich den Privatverbraucher an.

Die Heraufkunft der AV-Kassette und die Ausweitung der Bildungsprogramme im Fernsehen waren es denn auch, die im Laufe des letzten Jahres etliche markante’ tektonische Verschiebungen in der deutschen Verlagslandschaft herbeigeführt haben. Die Entwicklung multimedialer Lehrsysteme ist teuer; von ein paar Konzernen abgesehen, kann kein einzelner Verlag die nötigen Investitionen aufbringen, und die Spezialisten sind rar. So kam es zu einer Serie von Bündnissen, die das deutsche Verlagswesen auf ganz neue Weise gruppieren. Manche Verleger mögen – ohne konkrete Ziele – nur mitgemacht haben, um ja nichts zu verpassen; dennoch dürften 1970 eine Reihe von wichtigen Weichen gestellt worden sein.