In Marseille und Casablanca setzt man nicht nur Hasch und Opium ab, auch Eier wenden durch geheime Kanäle geschleust: Euro-Schmuggler machen Millionengewinne mit EWG-Agrargeldern.

In einer, Antwerpener Hafenkneipe wurde ein kräftig angetrunkener Seemann gesprächig: 500 große und kleine Frachtschiffe kreuzten, so wußte der Fahrensmann zu berichten, monatelang in der Nordsee, ohne je ihre Getreideladung zu löschen. Fünf belgische Unternehmen und 19 Händler kassierten 40 Millionen Mark zu unrecht für nie gelieferte Exporte. Zöllner wurden bestochen, lieferten falsche Dokumente und Stempel. Eine englische Firma stellte der Aktion – gegen Barzahlung – ihren Namen zur Verfügung, eine dänische firmierte als Teilnehmerin, ohne davon zu wissen. 80 kg wiegt die Anklageschrift. 20 Anwälte verdienen weiter.

Wer teure Europa-Ware wie etwa Getreide, Eier oder Schweinefleisch in den Vatikan liefert, verkauft in ein „Drittland“ und hat somit Anspruch auf Zuschußzahlungen aus dem Brüsseler Agrarfonds. Ob die Ware oftmals schlicht in Italien, also im EWG-Land, bleibt und deshalb mit keinem Pfennig bezuschußt werden darf, kann bisher kein Brüsseler kontrollieren.

Der Vatikan ist nicht das einzige Eldorado für EWG-Schmuggler. Europäischer Käse beispielsweise unterliegt in den USA einer Mindestpreisvorschrift. In Kanada aber muß das gleiche Produkt billiger angeboten werdet? wenn es konkurrenzfähig sein’soll. Folglich steigt die zum Ausgleich gezahlt Exportvergütung aus dem grünen Europa-Fonds. Käse für die USA wird also via Kanada geliefert – zu Lasten der EWG-Steuerzahler.

Die Liste ist unendlich, die Gewinne der Euro-Betrüger erreichen oftmals hunderttausende Mark. Dem soll künftig Einhalt geboten werden. Die Brüsseler Europa-Kommission hat dem EWG-Ministerrat eine (in allen sechs Staaten rechtsverbindliche) „Verordnung“ zum Beschluß vorgelegt, um gemeinsam mit den sechs Regierungen ein Kartell gegen die Euro-Betrüger zu gründen.

Danach sollen die Behörden der Mitgliedstaaten alle Verdachtsfälle von Betrug mit europäischen Agrargeldern sofort in Brüssel mitteilen, die Europa-Kommission ständig über alle laufenden Untersuchungen und Verfahren unterrichten, sie als europäische Zentral-Karteistelle über die Praktiken der Betrüger ins Bild setzen und erst einmal die simple Aufstellung einer Adressenliste ermöglichen.

Um aber gleichzeitig Ordnung in das Durcheinander der Zuständigkeiten zu bringen, soll auch ein für allemal klargestellt werden, welche Stellen der Mitgliedsländer sich wo mit welchen Tatbeständen des Euro-Agrarbetrugs befassen. Auch die jeweils verantwortlichen Beamten wollen die Brüsseler Bürokraten endlich kennenlernen.