Nach dem Fußball ist es diesen Winter sein Halbbruder Rugby, der als zweiter organisierter Sportverband sein hundertjähriges Jubiläum begehen darf. Die verschiedenen geplanten Festivitäten werden nicht im Schatten des großen Bruders abgehalten werden. Dazu ist Rugby als Sport in Großbritannien zu bedeutend und wird schließlich in vierzig weiteren Ländern gespielt. Die Entstehung des Rugby aus dem damals noch reichlich unorganisierten Fußball ist an eine berühmte Geschichte geknüpft, deren Wahrheit selbst heute noch recht umstritten ist.

Wer über die Spielfelder des vierhundertjährigen Internats von Rugby schreitet, wird dort eine Plakette entdecken, die die Tat – oder eigentlich Untat – eines Schülers William Webb Ellis gebührlich feiert und in der Erinnerung bewahren möchte. Dem sechzehnjährigen Ellis wird nämlich nachgesagt, er hätte 1823 als erster den Ball unter bewußter Nichtbeachtung der damaligen Spielregeln im Fußball in seine Arme genommen und wäre damit davongelaufen und hätte dadurch das charakteristische Unterscheidungsmerkmal des Rugby entstehen lassen. Es muß sich damals um eine Begegnung ohne Schiedsrichter gehandelt haben, denn von seinem strafenden Eingreifen ist nichts bekanntgeworden.

Die ganze Geschichte wurde bereits von Ellis’ Zeitgenossen als fragwürdig behandelt. Sie wiesen nämlich in ihren Lebenserinnerungen darauf hin, daß „das Laufen mit dem Ball“ in Rugby vor dem Direktorat des berühmten Pädagogen Thomas Arnold völlig unbekannt gewesen wäre. Thomas Arnold wurde erst 1828 Direktor von Rugby, drei Jahre nachdem William Webb Ellis die Schule verlassen und die Universität von Oxford bezogen hatte. Die Legende soll der Einbildungskraft eines naiven Antiquars entstammen, der selbst nur bis 1820 in Rugby war und sich die ganze Geschichte für eine Sondernummer der Internatszeitung „The Meteor“ im Jahre 1876 (!) ausgedacht hätte. Der Antiquar weigerte sich übrigens, die Quelle seiner Informationen anzugeben. Jedenfalls tobte um die Entstehungsgeschichte des Rugby so mancher lebhafter Meinungsstreit im England des vergangenen Jahrhunderts. Er ist heute ganz unwichtig, da sich das Spiel selbst am Leben zu halten gewußt hat. Es sollte indessen noch mehr als vierzig Jahre dauern, bis Rugby als organisierter Sport anerkannt wurde, da die neue Spielart, den Ball zu tragen, sich nur langsam einbürgerte. So konnte daher auch erst 1869 ein Rugbyclub in Oxford begründet werden, dem drei Jahre später der von Cambridge folgen sollte.

Am 26. Januar 1871 trafen sich die führenden Vereine in einer Bierstube in der Nähe des Trafalgar Squares, um dort die „Rugby Football Union“ zu begründen und die teilweise komplizierten Regeln des Spiels zu koordinieren. Neun der Gründervereine, die damals anwesend waren, existieren auch heute noch, hundert Jahre später.

Einer der ältesten Rugbyvereine sind die „Wasps“. Nur gelten sie nicht als einer der ursprünglichen Begründer, da ihre Vertreter an jenem Januarabend in der falschen Bierstube, zur falschen Stunde und am falschen Tag erschienen. Im Jahre 1893 ereignete sich eine bezeichnende Krise. Die einflußreichen Vereine Nordenglands, die sich größtenteils auf die arbeitenden Klassen stützten, verlangten Bezahlung für die Zeit, die ihnen durch das Rugbyspielen verlorenging. Der Verband lehnte diese Forderung nach dem Rugby-Profi kategorisch ab, so daß sich 22 Vereine selbständig machten und die „Northern Union“ begründeten, aus der später die heutige „Rugby League“ hervorging, die Berufsrugby spielt.

Diese Sezession stärkte nur den ursprünglichen Verband, der jetzt sein Jubiläum begehen darf, als ein unerbittlicher Vorkämpfer der Amateuridee. Einer seiner damaligen Führer, Rowland Hill, wurde einer der ersten Sportführer, die wegen; ihrer. Verdienste um die Amateuridee in den Ritterstand gehoben wurden. Im Jahre 1907 wurde auch die prächtige Anlage in Twickenham erworben, heute der sportliche und administrative Mittelpunkt des englischen Rugbysports. Dort sind seit 1910 alle repräsentativen Spiele – eines allerdings ausgenommen – ausgetragen worden. Statt der 21 Vereine aus dem Jahre 1871 gibt es heute mehr als 2000. Der damalige Verbandskredit betrug 11 Schillinge, der heutige eine Summe von über sechs Zahlen, während Twickenham selbst mehrere Millionen Pfund wert ist. Das vor 100 Jahren gewählte Motto der „Rugby Football Union“: „Rugbeia Floreat Ubique“ (Rugby floriert überall) hat sich nachdrücklichst bewährt. Alex Natan