Die Wolke von Qualm und Staub, die von derersten industriellen Revolution aufgewirbelt wurde, schwärzte nicht nur die Landschaft. Auch die Schmetterlinge färbten sich schwarz, weil ein schwarzer Flügel auf schwarzem Grund die bessere Tarnfärbung ist.

Nun hat die britische Regierung in den fünfziger Jahren Gesetze für die Reinhaltung der Luft erlassen. Zoologen der Universitäten von Manchester und Liverpool, die jetzt die Fangausbeute ihrer Schmetterlingsjagd der letzten Jahre studierten, melden: die Falter werden wieder weiß.

Biston betularius, der Birkenspanner, ein weißer Falter, der wegen seines Pfeffermusters in England „peppered moth“ genannt wird, steigt nach hundert Jahren der Schornsteinemission wie Phönix aus dem Essenruß hervor. Er, der zu Darwins Zeiten schwarz geworden war, kehrt zur Originalfärbung zurück, die auf der nun wieder weißen Birkenrinde schon immer die bessere Tarnfärbung war.

Der Fall des Birkenspanners zeigt eindrucksvoll, wie plastisch Lebewesen auf Veränderungen der Umwelt reagieren und daß sie industrielle Revolutionen überleben können, wenn sie in ihrer Erbsubstanz nur ein einziges Gen für Schwarzfärbung (Melanismus) besitzen. Darüber hinaus ist dieser Fall eines der seltenen Beispiele für Evolution im Galopptempo. In allererster Linie aber ist die Verwandlung des Birkenspanners schlechthin das klassische Paradebeispiel für die tatsächliche Wirksamkeit der von Charles Darwin hypothetisch abgeleiteten „natürlichen Auslese“ als einer der wichtigsten Evolutionskräfte.

Daß ein weißer Falter auf heller Rinde, ein schwarzer auf dunkler Rinde von seinen Hauptfeinden, den Vögeln, schwerer erkannt wird und daher höhere Überlebenschancen hat, ist nach der ganzen Geschichte des sogenannten „Industrie-Melanismus“ plausibel. Bis zum Jahre 1845 waren schwarze Birkenspanner selten. Ihr Anteil an der Population muß nach Schätzungen unter ein Prozent gelegen haben. 1848 wurde der erste schwarze gefangen, und bis 1895 hatte sich das ursprüngliche Verhältnis in der Umgebung von Manchester umgekehrt: 99 Prozent der hier erbeuteten Birkenspanner waren schwarz und dieweißen mit Pfeffermuster waren die Seltenheiten.

Eine ähnliche Tendenz stellten die Zoologen bei siebzig anderen Schmetterlingsarten Englands und Westeuropas fest. In den amerikanischen Industriezentren, etwa im Bereich von Pittsburgh, waren gar hundert Arten von dieser Entwicklung einer schwarzen Schutzfärbung betroffen.

Den experimentellen Beweis dafür, daß diese flotte Anpassung wirklich auch durch natürliche Selektion Darwinscher Provenienz zustandekommt, lieferte in den fünfziger Jahren der britische Evolutionsforscher H. B. D. Kettlewell in einem einzigartigen Freilandversuch. In der Umgebung der Industriestadt Birmingham bestand die Spannerpopulation zu 90 Prozent aus schwarzen. Hier ließ der Forscher 477 schwarze und 137 weiße Falter frei. Mit dem Feldstecher beobachtete er, daß die Vögel auf die Birkenspanner Jagd machten. Des Nachts wurden die überlebenden Falter mit Lichtfallen wieder eingefangen und gezählt: 40 Prozent der schwarzen und 19 Prozent der weißen Falter hatten dem Selektionsdruck der Vögel standgehalten. Hier waren also die schwarzen eindeutig besser geschützt und genossen damit einen Selektionsvorteil.