Göppingen

In der Stadt der Märklin-Eisenbahnen, in dem schwäbischen Göppingen, glaubt man nicht an Heinzelmännchen. Mit um so größerem Staunen wird das Engagement der 40 rumänischen Bauarbeiter bewundert, die zur Zeit winterfeste Baubaracken mit Zentralheizung und Brausen für ihre 150 Landsleute erbauen. Diese wiederum sollen bis zum Ende des nächsten Jahres in dem Stadtteil Bartenbach 43 Miet- und 35 Eigentumswohnungen bauen.

Bauträger ist die „Göppinger Wohnbau GmbH“, die sich zu 58 Prozent im Besitz der Stadt befindet und die in dem neuen Stadtteil bereits 1968 den Bau von 86 Mietwohnungen an drei renommierte Baufirmen aus dem Göppinger Bereich vergeben hatte. Da die meisten von diesen jetzt noch nicht fertig sind und deshalb die Bauten um rund eine Million Mark teurer werden, ist Geschäftsführer Alfons Feurer auf die Unternehmer sauer: „Bei der gegenwärtigen Lage hat man offenbar geglaubt, uns nicht so behandeln zu müssen, wie wir es als guter Kunde erwarten durften.“

Als dann noch die Angebote der Baufirmen für den zweiten Bauabschnitt im Juli verglichen wurden und die rumänische Baufirma „Arokonstrukt“ mit ihrem Preis 20 Prozent unter der billigsten deutschen Firma rangierte, war der Entschluß klar. Die östliche Staatsbaufirma, die sich verpflichtete, die Wohnungen bis 31. Dezember 1971 im Rohbau fertigzustellen, erhielt den Zuschlag. Waren für die Rohbauarbeiten vor anderthalb Jahren noch 61 Mark je Kubikmeter berechnet worden, so verlangte jetzt der billigste deutsche Unternehmer 110 Mark. Die Rumänen aber bauen für rund 90 Mark und haben sich zudem verpflichtet, für jeden Tag Verzögerung mit der Fertigstellung 300 Mark Konventionalstrafe zu zahlen. Die eine Million Mark, die Feurer für den ersten Bauabschnitt mehr zahlen muß, wird er also beim zweiten wieder einsparen.

Frohlocken und Schadenfreude auf der einen Seite, böse Enttäuschung auf der anderen. Der Fachverband Bau von Württemberg meldete sich zuerst: „Haben nicht unsere deutschen Bauunternehmungen, die auch in ungünstigen wirtschaftlichen Situationen unter äußerstem Verzicht auf Gewinn den potentiellen Bauherren zur Verfügung standen, ein Anrecht darauf, in wirtschaftlich normalen Zeiten unter Berücksichtigung kaufmännischer Gesichtspunkte im gleichen Umfang beschäftigt zu werden?“ Diese Frage stellte der Verband zu einer Zeit, da der baden-württembergische Finanzminister Gleichauf resigniert feststellte, daß sich der Kostenindex für Staatsbauten innerhalb von zwölf Monaten um 19,4 Porzent erhöht habe.

Der Göppingen Bezirksmieterverein ließ nicht lange mit der Antwort warten. So wenig die Bauwirtschaft eine besonders soziale Kalkulation, etwa bei gemeinnützigen Objekten kenne, so wenig dürfe sie erwarten, daß den Käufer einer Eigentumswohnung oder den Mieter einer Sozialwohnung mitleidige Regungen überfielen, wenn ihr im Rahmen der freien Marktwirtschaft plötzlich ein unangenehmer Konkurrent erwachse. Deshalb verdiene der Beschluß der „Wohnbau GmbH“ die Zustimmung aller Bürger. Auch der sozialdemokratische Wirtschaftsminister des Landes, Hans Schwarz, begrüßte den „frischen Wind“ auf dem Göppinger Baumarkt.

Darauf beklagte der württembergische Unternehmerverband die „ungerechtfertigten Wettbewerbsvorteile“ der rumänischen Baufirma, die mit einem kleineren Verwaltungsapparat auskomme, für die keine deutschen Lohntarifverträge gälten, die nicht wie die deutschen Firmen Gewerbe-, Grund- und Vermögensteuer bezahlen müsse und die schließlich nicht unter der starken Fluktuation der Bauarbeiter zu leiden habe. Immerhin müsse eine deutsche Baufirma durchschnittlich mit 9000 Mark Einarbeitungskosten für jeden Arbeiter rechnen. Schließlich verwahrten sich die Unternehmer noch gegen den Vorwurf, daß die Rumänen besser bauen als die Deutschen: „Das wird keine Pfuscharbeit. Das ist vielmehr eine Qualität, wie wir sie bei uns seit Jahren nicht mehr kennen.“