Von Claus Grossner

In dieser Woche wurde in der Villa Hammerschmidt die „Deutsche Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung“ feierlich aus der Taufe gehoben – ein Jahr nach der Ankündigung durch die Regierungserklärung. Bei manchen Friedensforschern wollte freilich keine rechte Freude aufkommen. „Das letzte bißchen Demokratie in der Gesellschaft ist weg“, urteilte Klaus Meyer-Abich, ein enger Mitarbeiter des Regierungsbeauftragten für die Friedensforschung, Carl-Friedrich von Weizsäcker. Die Friedensforscher hatten sich vorgestellt, daß sie unabhängig und selbstverwaltend über die Mittel verfügen könnten. Statt dessen ist jetzt eine Art Holding-Gesellschaft gegründet worden, in der das Proporz-Denken und die Interessen gesellschaftlichen pressure-groups vorherrschen.

Was ist Friedensforschung? Zwei Hauptrichtungen lassen sich unterscheiden, die eine ist mehr außenpolitisch, die andere mehr gesellschaftspolitisch orientiert.

Die erste Gruppe betrachtet den Frieden vor allem als absentia belli, als außenpolitische Kriegsverhütung. Ihr sind vor allem Politologen der Disziplin „Internationale Beziehungen“, wie Richard Löwenthal, oder auch die amerikanischen Abschreckungstheoretiker wie Kissinger, Schelling, Herman Kahn zuzurechnen.

Die Ziele der anderen Gruppen lassen sich am besten durch ein Zitat charakterisieren, das am 30. Jahrestag des Kriegsausbruchs von 1939 formuliert wurde: „Der Krieg wurzelt offensichtlich weniger – wenngleich auch – in den Gesinnungen der einzelnen als vielmehr in den Ordnungen und Unordnungen der Gemeinschaften. Seine Ursachen sind trotz der jeweiligen Kriegsgewinnler nicht privater, sondern politischer Natur. Sie erwachsen aus Gewohnheiten, Vorurteilen, Sozialordnungen und Herrschaftsformen.“ Dieser Satz, der die gesamtgesellschaftliche Richtung der Friedensforschung auf eine klare Formel bringt, stammt nicht von einem Friedensforscher, sondern von einem Repräsentanten der „Obrigkeit“ – von Gustav Heinemann.

Schon in seiner Antrittsrede am 1. Juli 1969 hatte der Bundespräsident für eine neuartige Friedensforschung plädiert. Seine Initiative wurde dann von Willy Brandt in der Regierungserklärung aufgegriffen. Dieses umfassende Verständnis vom Frieden eröffnete den bislang vereinzelten Sozialwissenschaftlern die Chance, eine neue Disziplin zu schaffen: eine kritische Friedensforschung.

Kritisch allerdings muß diese Forschung sein. Denn wenn sie untersuchen soll, welche „Herrschaftsformen“, welche Machtzusammenballungen, welche Vorurteile zum Krieg führen, dann muß sie gegenwärtig bestehende illegitime Machtinteressen, private Rüstungsinteressen, ungerechtfertigte Vorurteile (etwa anderen Rassen gegenüber) kritisieren: Sie muß den Status quo verletzen. Darum wird dabei Friedensforschung gefährlich für alle, die den Status quo verfestigen möchten und für ihn zu kämpfen wissen.