Von Rolf Zundel

Bonn, im Oktober

Gerhard Löwenthal hat eine merkwürdige Verhandlung durchgemacht. Vor anderthalb Jahren war er nach dem Urteil vieler Kollegen ein Fernsehmoderator eher mäßiger Qualität, der manchmal Politiker der einen, manchmal der anderen Couleur verärgerte. Er neigte in langatmiger Bekenntnisfreudigkeit fiel aber nicht sonderlich auf. Heute wird ihm mittlere Qualität zugebilligt. Als Cegenstand des öffentlichen Interesses aber hat er gewaltige Bedeutung erlangt: Gerhard Löwenthal, Moderator des ZDF-Magazins, ist eine nationale Figur geworden – ein Mann, bei dessen Anblick sich das deutsche Fernsehpublikum in zwei feindliche Lager spaltet. Er befriedigt zwei menschliche Urtriebe: das Verlangen nach einem Sündenbock wie die Sehnsucht, sich für eine gute Sache einzusetzen.

Gegenwärtig kam sich Löwenthal vor Leuten gar nicht retten, die sich hinter, vor und neben ihn stellen wollen. So empfindet ihn der Theologie-Professor Thielicke als einen „Trost“ im Fernsehen, „weil er unbeirrbar, originell und jeglichem Konformismus nach rechts und links entrückt, kritisch informiert“. Und er empfiehlt in einem Leserbrief an die Weit denn auch allen, die Löwenthals Stimme nicht missen möchten, sich zu Wort zu melden.

Zu Wort gemeldet haben sich viele. Etwa tausend schrieben ans Zweite Deutsche Fernsehen Die Brief Schreiber tadelten in ihrer überwiegenden Mehrheit die Kritikempfindlichkeit der Bundesregierung, vor allem der SPD, und forderten mit starken Worten, die Löwentha’-Sendung dürfe auf keinen Fall abgeschafft werden. Einige Briefschreiber – nur wenige freilich – gaben ihrer Meinung Ausdruck, Löwenthal sei wegen seiner präzeptoralen Selbstgefälligkeit und seiner CDU-Neigung eine Zumutung für die Fernseher.

Natürlich durfte auch die Stimme der Union nicht im Chor der Löwenthal-Verteidiger fehlen. Fraktionschef Barzel sprach von einer „systematischen. Kampagne“ gegen den ZDF-Moderator. Es sei höchste Zeit, sich diesen sorgfältig geplanten Bestrebungen der SPD entgegenzustellen. Die Empfindlichkeit und die Nervosität der Bundesregierung dürften „nicht dazu führen, daß Kritiker dieser Regierung beleidigt, eingeschüchtert oder in ihrer Existenz bedroht werden“. Kein Christdemokrat der sich nicht für die Meinungsfreiheit wacker in die Schanze schlug und die SPD ironisch fragte, ob dies nun „mehr Demokratie“ sein solle. Von CDU-nahen Zeitungen unterstützt, wurde eine gewaltige Kampagne geführt und mit dröhnendem Feldgeschrei gefordert: „Rettet Löwenthal, rettet die Meinungsfreiheit!“

Das Verdienst, den Volkszorn geweckt zu haben, darf sich zu einem guten Teil der CSU-Abgeordnete Zimmermann zuschreiben. Auf der jüngsten Fernsehratssitzung des ZDF in Kiel war wieder einmal über das Löwenthal-Magazin geredet worden. Die SPD-Mitglieder murrten. Der Intendant versuchte zu besänftigen, es sei ja in letzter Zeit besser geworden. Diese Meinung teilten die Sozialdemokraten ganz und gar nicht, und der Abgeordnete Berkhan polterte los: Das Gegenteil sei der Fall, und obwohl er zu den Initiatoren dieser Sendung gehöre, sei er jetzt bereit, sie in Frage zu stellen. Dies nahm der Abgeordnete Zimmermann schweigend zur Kenntnis.