Von Joachim Schwelien

Washington, im Oktober

Gestern noch harsche Worte und versteckte Drohungen, Kanonenbootdiplomatie im Mittelmeer und in der Karibischen See – heute wieder freundschaftliche Dialoge zwischen Rogers und Gromyko und ein beinahe warmherziger Empfang mit stundenlanger Aussprache für den sowjetischen Außenminister durch Präsident Nixon im Weißen Haus: Es ist nicht leicht, sich diese Stimmungsschwankungen zwischen den beiden Weltmächten zu erklären.

Mancher heimliche Freund des Kalten Krieges, von denen es auf beiden Seiten noch genug gibt, lachte sich ins Fäustchen und sah seine Theorien von der Unvereinbarkeit der Ideologien und des Vormachtstrebens der Giganten bestätigt. Mancher schwärmerische Ausgleichsphilosoph sah sich voreilig gerechtfertigt, als wieder mildere Töne anklangen. Nüchterne Realisten gehen von etwas anderem aus: daß die Machtgegensätze zwischen Amerika und der Sowjetunion noch lange Zeit bestehen bleiben, daß sie aber trotz der vielen gegenwärtigen noch der zukünftigen Krisen und Spannungen nicht zu einem Frontalzusammenstoß zwischen den Giganten führen werden.

Der Wechsel zwischen Tief und Hoch im Verhältnis Washington-Moskau wird durch langfristige und verborgene Entwicklungen ebenso nachhaltig beeinflußt wie durch die greifbaren Probleme im Nahen Osten, in Vietnam oder um Kuba. In den letzten fünf Jahren sind im Kräfteverhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion Veränderungen und damit auch Positionsverschiebungen eingetreten. Sie haben bewirkt, daß sich die beiden Großmächte in Krisensituationen und bei deren diplomatischer Bewältigung anders verhalten als früher.

Die Sowjetunion hat die nuklearstrategische Parität mit Amerika erreicht und ihre Flottenrüstung im großen Stil vorangetrieben. Sie tritt heute nicht nur im Mittelmeer, sondern auf allen Ozeanen mit hochmodernen Kampfverbänden in Erscheinung. Im Frühjahr demonstrierte sie das weithin mit dem Manöver „Okean“, dem amerikanische Admirale neidvoll einen hohen Grad von Effizienz bescheinigten. Seit Stalin, der noch eine vorwiegend auf Europa konzentrierte regionale Machtpolitik betrieb und dem Kommunismus auf anderen Kontinenten im wesentlichen nur Agitationshilfe durch ihm untertänige Parteien angedeihen ließ, hat sich nach und nach der Übergang zu einer wirklich globalen Machtpolitik Moskaus vollzogen.

Wo Nikita Chruschtschow noch erratische und unberechenbare Vorstöße in die Weite des Raumes unternahm und dann – etwa in der kubanischen Raketenkrise oder auch in Berlin – beschämt seine Pflöcke wieder zurücksteckte, da zeigt sich heute ein weitaus methodischeres und auch konsequenteres Vorgehen der Sowjetunion. Das Führungsteam Kossygin–Breschnjew droht zwar nicht alle Tage mit Raketen und hämmert nicht mit Schuhen auf den Verhandlungstisch, doch benutzt es die inzwischen erworbenen und gewaltig gesteigerten militärischen Machtmittel sehr bewußt als Instrumente der Diplomatie. Sogar schwere und bedrohliche Krisen wie die im Nahen Osten werden systematisch als Werkzeuge dieser auf die Erweiterung der sowjetischen Interessensphären gerichteten Weltpolitik gehandhabt, und das ist alles andere als ein blindes Taumeln zwischen Expansionsdrang und Selbstbescheidung. Je länger der Konflikt zwischen Arabern und Israelis am Kochen gehalten werden kann, um so größer wird der Einfluß der Sowjetunion in dieser Region, aus der Westeuropa fünfundsiebzig und Japan neunzig Prozent ihres lebenswichtigen Erdölbedarfs decken. Das schafft, zum Nutzen der Sowjetpolitik, Hebelwirkungen von weltweitem Ausmaß.