Wer hätte, sich noch vor zwei Jahren vorstellen können, daß Gomulka mehr um den Bestand, der Bonner Bundesregierung bangt als um die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze? Am Vorabend der Reise Außenminister Scheels zu den Schlußverhandlungen gibt es in Warschau „keinen Zweifel an der Aufrichtigkeit Willy Brandts“, wie der Deutschlandexperte Richard Wojna schreibt – wohl aber die Befürchtung, die Bundesregierung, zumal ihr kleiner Koalitionspartner, könnte aus innenpolitischen Gründen den Vertrag mit Polen so aushöhlen, daß seine geschichtlich-psychologische Bedeutung für die Versöhnung der beiden Völker darunter litte.

Ein Fehlschlag würde die Brücke zwischen Bonn und Warschau gewiß für ein weiteres Jahrzehnt unpassierbar machen; aber die Gefahr, daß der Vertrag überhaupt nicht zustande kommen oder in endlosen Verhandlungsrunden zerredet wird, hält man in polnischen Regierungskreisen, wo man den Stand der Dinge kennt, für recht gering. Nicht einmal die Nachricht, daß die CDU sich an Scheels Polenreise nicht beteiligt, hat in Warschau Nervosität ausgelöst.

Die Polenbesuche von vier CDU-Abgeordneten hatten freilich zuerst die Hoffnung geweckt, dem Vertrag könnte eine breitere Mehrheit zu einem festeren Fundament verhelfen. Die Polenerklärung der CDU/CSU hat eigentlich mehr die nichtkommunistischen, vor allem katholischen Kreise Polens erbittert. Die regierenden Kommunisten, die sich nie großen Illusionen über die Adenauer-Erben hingaben, sehen die Sache kühl: „Wir würden Herrn Barzel einen großen Gefallen tun, wenn wir seine Haltung mit der der ganzen CDU/CSU identifizierten“, schrieb Wojna. Die CDU-Erklärung versuche, indem sie die Grenzanerkennung im Provisorischen belasse, jene Unversöhnlichen zufriedenzustellen, für die noch immer die alten Doktrinen gelten. Dennoch sei „bezeichnend, wie weit sich die beiden Unionsparteien von ihren eindeutigen, noch vor kurzem so unversöhnlichen Auffassungen entfernt haben“.

Als Scheel in seinen jüngsten Äußerungen den kommenden Vertrag als etwas Vorläufiges „bis zum Friedensvertrag“ darzustellen versuchte, war man in Warschau vor allem deshalb ungehalten, weil der Minister durch solche Interpretationsversuche bisherige Verhandlungsergebnisse in Frage zu stellen schien. Darüber, daß der Vertrag – auch wenn er formelle Vorbehalte enthält – die Tür für einen künftigen Revisionismus nicht offenhalten darf, sind sich die beiden Regierungen einig. Die Polen finden ziemlich viel Verständnis für, aber wenig Gefallen an Scheels parteipolitischer Taktik, die noch ungelösten Verhandlungspunkte komplizierter darzustellen, als sie im Grunde sind, um seinen eigenen Anteil am kommenden Ergebnis gehörig ins Licht zu rücken.

Für Scheels Warschauer Gespräche gibt es gewiß noch Themen. Aber wenn Polen auf das Wort „endgültig“ im Vertragsartikel über die Grenze verzichtet und wenn es auch kaum auf einem – ohnehin unlogischen – Vertragsartikel bestehen wird, der die Bundesrepublik über die Zeit ihrer eigenen Existenz hinaus verpflichten würde, so muß die polnische Regierung doch darauf bestehen, daß territoriale Forderungen aus Bonn auch „in der Zukunft“ nicht mehr erhoben werden. Wer darin „hochgeschraubte polnische Forderungen“ sieht, täuscht sich über den Ausgangspunkt. Diesen hatte Gomulka in seinem Vertragsangebot vom 17. Mai 1969 von Anfang an festgelegt: „Zu einem Grenzprovisoriu’m, wie es Bonn Polen vorschlägt, kommt es niemals... Revisionistische territoriale Forderungen legalisieren wir niemals, weder heute noch morgen, weder offen noch verdeckt.“

Zwar kann sich Gomulka ebenso wie Brandt ein Scheitern der Verhandlungen kaum leisten. So sehr jedoch der deutsch-sowjetische Vertrag, auf dessen ausdrücklicher Oder-Neiße-Formel Moskau bestand, den Vertrag mit Warschau präjudizierte und dadurch manchen Polen Unbehagen bereitete, so sehr hat er Gomulka vom Druck seiner innenpolitischen Opponenten entlastet. Dem Parteichef kann jetzt niemand mehr vorwerfen, er trete, wie es noch im Mai 1969 aussah, einen gefährlichen Alleingang nach Bonn an. Auf eine Formel, „die den Polen alles gibt, was sie wünschen, die aber zu Hause so interpretiert werden kann, als ob die Polen nicht alles bekommen hätten, was sie wollen“ (wie es Franz Josef Strauß sarkastisch ausdrückte), kann sich Gomulka nicht einlassen, wenn er vor Volk und Partei nicht das Gesicht verlieren und eine innere Krise heraufbeschwören will.

Läßt das auch keinen formellen Friedensvertragsvorbehalt zu? Vor über vier Jahren schrieb die polnische Regierung in ihrer Antwort vom 24. März 1966 auf die Bonner Friedensnote: „Was eine Friedenskonferenz betrifft, so ist dieser – wie sich unwiderleglich aus dem Potsdamer Abkommen ergibt – nur eine formelle Bestätigung der polnischen Westgrenze überlassen.“ Gomulka selbst hat am 17. Mai 1969 vorgeschlagen, Bonn möge sich im Zweifelsfall an die vier Potsdamer Signatarstaaten mit der Frage wenden, ob es zum Abschluß eines Grenzvertrages berechtigt ist. Jetzt besteht in Warschau der Eindruck, als ziehe die Bundesregierung tatsächlich eine solche Anfrage in Erwägung.