30 Tage nach dem Tod des großen Ägypters: In Kairo brennen wieder die Lichter. Gibt es einen neuen Krieg oder endlich Frieden? Wer weiß den „rechten Weg“ Nassers? Was führen die Sowjets im Schilde? Wo steht die Armee?

Dietrich Strothmann berichtet aus Kairo:

Kairo im Oktober

Kairo im Spätherbst 1970 ist keine Stadt mitten im Krieg. Von den Fenstern der Häuser in den Hauptstraßen bröckelt die häßliche violettblaue Farbe ab, die nach der Juni-Schlacht vor drei Jahren zur Verdunkelung der Stadt gegen Angriffe israelischer Bomber angestrichen worden war. Aus den löcherig gewordenen Säcken vor den altägyptischen Statuen im Museum bröselt unaufhörlich der Sand, der von den Wärtern jeden Morgen säuberlich zusammengefegt wird. Die Schutzmauern vor den Hauseingängen werden als Anschlagsäulen benutzt; sie sind vollgeklebt mit Plakaten und Parolen. Der Soldat an der großen Nilbrücke langweilt sich; er weiß nicht, warum er hier noch Wache schiebt, wozu er sein Seitengewehr aufpflanzen muß.

In Kairo brennen wieder alle Lichter, hell und grell. Es ist eine Millionenstadt mitten im Frieden. Der Krieg ist kein Gesprächsthema mehr für die Menschen, die hier arbeiten, die die Straßen, Plätze, Cafés und Restaurants füllen. Der Krieg ist vergessen. Die Geschäfte gehen weiter, das Geld gibt den Ton an. Werden die Steuern noch weiter steigen? Klettern die Preise noch mehr in die Höhe? Können wir größere Mengen an Erdöl, Reis und Baumwolle für den Export produzieren? Das sind die Fragen der Kairoer, die Sorgen der Beamten in den Ministerien. Und sie begreifen längst nicht mehr, warum in dem riesigen Lichtermeer der großen Stadt die Hauptbrücken über den Nil allabendlich in tiefes Dunkel getaucht sind.

Hier, an der einzigen Stelle der Metropole, brennt keine Lampe – aus Furcht vor einer israelischen Luftattacke. Dabei sind sie, schwarze Punkte inmitten der Lichterflut, erst recht gut auszumachen; so wie sie vor einem Jahr treffsicher markiert worden waren, als nur sie hell erleuchtet wurden und die übrige Stadt verdunkelt war. Damals rechnete man mit einem Angriff israelischer Froschmänner auf die Nilübergänge.

Die Anordnungen ägyptischer Militärs sind oft wunderlich. Auch der Posten, der seinen Karabiner lässig an die Brückenbrüstung gelehnt hat, mag nicht verstehen, was er noch bewachen soll. Vielleicht ist er auch nur vergessen worden Nicht einmal er denkt, wenn er da so einsam und verlassen an der Auffahrt steht und den unaufhörlichen Strom der Autos, Busse, Lastwagen und Fußgänger beobachtet, der an ihm vorüberzieht, an die nächste Schlacht. Auch er sieht müde aus, kriegsmüde. Er ist wie das letzte, übriggebliebene Symbol in dieser großen, geschäftigen Stadt, das an den Krieg erinnert. Doch niemand beachtet es mehr. Er selber fühlt sich längst überflüssig, als ein Fremdkörper. Er paßt nicht mehr in das Bild Kairos in diesen Tagen.