Kairo, im Spätherbst 1970, 30 Tage nach dem Tod des großen, des unsterblichen Gamal Abdel Nasser, ist auch keine Stadt der Trauer mehr.

Von Tag zu Tag erlischt ein anderes Stück der Erinnerung an den Schmerz und an die Tränen von damals, als die Nachricht wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund, von Straße zu Straße und von Haus zu Haus ging. Selbst die Bilder des Trauerzuges der Millionen durch Kairo verblassen allmählich. Neben den Nasser-Porträts an den Holzwänden vor den Baustellen prangen schon wieder die bunten Kinoplakate mit den amerikanischen Filmhelden John Wayne und Burt Lancaster, preisen leichtgeschürzte, langbeinige Girls Coca Cola oder Schönheitscreme an. Die Nachtbars halten ihre Pforten weit geöffnet – nur die Bauchtänzerinnen haben noch Zwangspause –, die Lichtspieltheater sind ausverkauft, der Rundfunk sendet wie früher außer Korangesängen und Revolutionsliedern leichte Musik, vor den Hotels werden dem Fremden zu später Stunde silberne Armreifen angeboten und günstige Wechselkurse. Kairo ist eine Großstadt wie jede andere: voller Leben, laut, fröhlich, auf Geschäfte aus.

Es gibt nur einen Platz in all dem Lärm und der Hast, wo auch heute noch Ruhe herrscht und Stille, wo getrauert wird, geklagt und geweint – vor Nassers Grab an der von ihm gebauten Moschee in der Straße Khalifu el Mahmoun. Hier ist eine andere Welt.

Die großen Männer der Palastgarde stehen wie Zinnsoldaten vor dem Eingang, der mit Sperrgittern gegen allzu Neugierige abgeschirmt ist; sie bewegen sich kaum. An ihnen vorüber zieht ein endloser Strom schwarzgekleideter Männer und Frauen. Viele bleiben vor der Grabstätte stehen, stellen ihre Kränze auf und weinen. Schulklassen und Abordnungen aus den Dörfern vom Niltal werden von Polizeioffizieren vor das große Nasserbild geführt, das über der Grabplatte und den aufgeschlagenen Koranbüchern an der Moscheewand hängt, umrahmt von Fahnen und Blumen.

Hier, an dieser Stelle, ist für viele Ägypter die Welt zu Ende. Unter dieser Steinplatte, die damals in aller Eile fertiggestellt werden mußte, ist ihre einzige, große Hoffnung begraben, ihr Führer, ihr Vater, ihr Stolz, ihre Zuversicht. Von hier aus führt für viele von ihnen, die weinen und klagen, kein Weg zurück und kein Weg nach vorn. Sie haben mehr verloren als nur Gamal Abdel Nasser. Über diesem kleinen Ort in der unermeßlich weiten Stadt liegt ein dunkler, schwerer Schatten wie eingemauert für alle Zeiten: Ägyptens größtes, mächtigstes Denkmal. Hier, in diesem schmalen Geviert, bewacht von Gardesoldaten, unter dem spitzen Turm der Moschee, die nun seinen Namen trägt, überragt Nassers Mal alle Pyramiden und Pharaonen-Statuen der viertausendjährigen Geschichte des Landes. Hier, nur hier, ist der tote Nasser im Straßenbild Kairos noch übermächtig wie zu seinen Lebzeiten.

Eine Autominute entfernt ist schon gewöhnlicher Großstadt-Alltag: Café, Kiosk, Kino, Markt, verstopfte Straßenkreuzungen, Hupen, Schimpfen, Schreien, Menschen zu Hunderten, die reden, kaufen, auf die fahrenden Busse und Straßenbahnen springen. Kairo ist keine Trauerstadt mehr, eingehüllt in einen schwarzen Flor. Kairo lebt, als wäre nichts geschehen, als wäre das nicht geschehen, das Unvorstellbare, Unglaubliche: daß Gamal Abdel Nasser tot ist.

Am Tage nach dem Besuch in der Moschee, die Nasser mit Spenden für seine Betstunden bauen ließ, steht in der Zeitung diese Meldung: Das kleine Mädchen Salwa Said Abbas verlor ihre Stimme, als sie vor dem Grab „Papa, Gamal“ rief. Staatsminister Amin Howeidy ordnete an, daß Salwa Said auf Regierungskosten im Armeehospital von Maadi behandelt werden soll. Könnten ihr die Ärzte dort nicht helfen, soll sie in ein Land gebracht werden, wo es Spezialisten gibt, die sie kurieren.