Von Hans-Günter Zmarzlik

Mein Horizont war zu Beginn der dreißiger Jahre in vieler Hinsicht begrenzt. Ich wohnte in einem größeren Dorf im Norden von Berlin: Friedrichsthal, eine Gründung des ersten Königs von Preußen. Dort lebten Kleinbauern, Binnenschiffer und Pensionäre aus der unteren Mittelschicht. Die Schulstadt, Oranienburg, hatte Industrie, war aber mit ihren etwa 15 000 Einwohnern kaum mehr als ein unbedeutendes Nest, dessen Randlage zur Großstadt Berlin ein geistigkulturelles Eigenleben nicht zur Entfaltung kommen ließ.

In Oranienburg ging ich seit 1932 ins Realgymnasium. Hier begann ich zu spüren, daß es Politik gab. Die Parteien warben in dieser Krisenzeit mit einer Plakatflut, deren Ausläufer selbst unser Dorf erreichten. Voran standen die SPD und die Nationalsozialisten. Die SPD zeigte drei weiße Pfeile auf rotem Grund. Sie warb mit der Formel: Wer Hitler wählt, wählt den Krieg! Von der NS-Propaganda machte mir ein Plakat besonderen Eindruck: zwei gewaltige Fäuste, die eine Kette sprengten, und dazu das Versprechen nationaler Freiheit und Stärke.

Ende 1932 vermehrten sich rasch die schwarzweiß-roten Fahnen, auch das Hakenkreuz tauchte häufiger an den Kleinbürgerhäusern auf. Nach dem 30. Januar 1933 war das Dorf voll davon. Wir zeigten noch die Drei-Pfeile-Fahne der SPD vom Balkon. Doch fühlte ich, daß meinem Vater nicht wohl dabei war.

Das Schwarz-Rot-Gold der Republik war wie weggefegt.

Ich sah, wie sich das Bild in der Schule wandelte. Das konnte man mit Händen greifen. Immer mehr Schüler und Lehrer hoben die Hand zum Hitlergruß. Im März 1933 waren es nur noch wenige, die diese Geste nicht mitmachten. Ich gehörte dazu und kam mir irgendwie heldisch vor.

Charakteristisch ist, wie schnell es damit zu Ende ging. Meine dörflichen Freunde, meine Klassenkameraden im Gymnasium waren meist schon im Jungvolk, trugen Uniform und erzählten die abenteuerlichsten Dinge von dem, was sie da machten. Schon nach ein paar Wochen war ich im braunen Hemd mit dabei.