ARD, Dienstag, 20. Oktober: „Ausweglos...“ Aussagen über einen Lebenslauf

Die Überlegung scheint plausibel, der Gedanke folgerichtig zu sein: Um die Normalität eines scheinbar exzentrischen Falls, die von der Gesellschaft als schicksalhafte Selbstverständlichkeiten begriffenen sozialen – Voraussetzungen eines Verbrechens zu illustrieren, spart man den Täter aus, verzichtet auf die Vorführung des (austauschbaren) Subjekts (das in Wirklichkeit nur Objekt ist) und macht derart, durch eine Fülle von Zeugenaussagen, zum eigentlichen Protagonisten des Geschehens die Verhältnisse, die nicht so sind, wie sie sein sollten.

Ein reizvolles, ein diffiziles Unterfangen, das eine klare Konzeption und ein hohes Maß von vorgängiger Reflexion voraussetzt: Da will nicht die Atmosphäre der Verhältnisse, die Stimmung des Milieus gezeigt – da muß die Gesellschaftsstruktur aufgehellt werden, die sich in der „Umwelt“ manifestiert... und davon war in der Dokumentation mit dem mißverständlichen Titel „Ausweglos...“ (ausweglos für wen? für die Täterin, deren Fall hier vom Rande her analysiert wurde, oder ausweglos schlechthin?) leider wenig die Rede.

Zwar sahen sich am Anfang, in Martin Walsers kommentierendem Vorspann, und am Ende, im Resümee einiger Zeugen, eine „unglückliche Kindheit“, eine vaterlose Jugend, ein Wechsel zwischen zwei Gesellschaftssystemen (von der DDR zur Bundesrepublik) höchst allgemein als Tat-Determinanten apostrophiert – aber im Film selbst erfuhr der Betrachter am Bildschirm von alledem nichts.

Da spielte man „Mutmaßungen über Gisela K.“, deklamierten Zeugen ihre Rolle (die einen improvisierend, einstudiert die anderen), Jürgenvon-Manger-Rollen (weil die Interviewer-Fragen wegfielen, wirkten die Redenden, bloßgestellt, wie Chargen auf dem Theater, wurde, was Abbild war, fürs Bild ausgegeben), kamen weder die Verhältnisse (wie war sie denn, die Kindheit in der DDR? welche Schulen wurden besucht, welche Bindungen eingegangen, welche Muster geprägt?) noch – wenigstens! – der psychologische Kontext, als ein objektivierbares Moment, in den Blick.

Mit Hilfe von Andeutungen (man mußte Walsers Buch kennen, um zu wissen, was wer jeweils sprach und worin seine Funktion bestand), von Anspielungen (Masochismus, am Rande erwähnt, Fesselungsszenen: verhüllendes Enthüllen, Voyeur-Manier), von – offenbar sozialkritisch gemeinten – Milieuschilderungen (Kleinbürgeridyll, Fabrikatmosphäre: eine Arbeiterin als unpassendes Klassendouble der Lumpenproletin Gisela K.), mit Hilfe von Chargen, die, nach Maßstäben der Ästhetik aufeinander bezogen und durch Manipulationen (Wegfall der Frage, unter Pointen-Gesichtspunkten gehandhabte Schnitte) zu Statement-Gebern verdinglicht waren, die, zur Schau gestellt, auf nichts als sich selber verwiesen, wurde nicht das Psychogramm einer Gesellschaft, sondern – zumindest im zweiten Teil – eine anspruchsvolle, im Mutmaßungsstil gehaltene XY-Unbekannt-Story geboten. Dokumentation? Eine Vorführung der Welt in ihrer Geschicklichkeit? Keine Rede davon! Ein Zufalls-Arrangement, das, auf Kommentar, Benennung und Begriff verzichtend, dem Zuschauer vorspiegelte, es seien die Dinge selbst, die sich hier, in der Widersprüchlichkeit des Lebens, anböten.

Wie anders, vor Wochen, die ^Nachrede auf Klara Heydebreck“: Auch da kein Kommentar und kein magistrales „Dies lehrt die Geschichte“ – wohl aber ein Spiel mit offenen Karten, Angabe der Perspektive, Ausweis des beschreibenden Subjekts, exakte Dokumentation (Daten, Kontoauszüge, exemplarische Belege); wie anders gar die Analysen Theo Gallehrs, in denen, ein klares theoretisches Konzept die Dinge auf den Begriff bringt! In beiden Fällen ermöglicht die Standortbestimmung des Autors dem Betrachter am Bildschirm jene kritische Distanz, die das Gezeigte als etwas ausweist, das gemacht, gesellschaftlich bedingt und veränderbar ist. „Ausweglos ...“ hingegen nimmt, wie so viele Dokumentationsfilme, durch den Verzicht auf die Beschreibung von Kausalitäten, der Wirklichkeit ihr prozessuales Element, gibt als statisch wieder, was in Bewegung ist, unterschlägt Kausalitäten und Finalitäten, macht die Geschicklichkeit des Gezeigten (Der Fall Gisela K.: hier war’s ein Fall im Niemandsland) in keinem Augenblick sichtbar, seine historische Pointierung, und evoziert damit nur Tautologien: Die Wirklichkeit ist wirklich, Vertreter reden nicht wie Vertreter, Unhold bleibt Unhold.

Wieder einmal zeigte es sich, daß Verdinglichtes nicht durch sich selbst als Verdinglichtes dargestellt werden kann. Momos