DIE ZEIT

Die Kluft wird breiter

Zum erstenmal haben Industrieländer und Entwicklungsländer darin gemeinsam ein Programm entwickelt, das sich die Veränderung der Welt zum Ziel setzt – wirklich der ganzen Welt, nämlich der entwickelten und der noch zu entwickelnden Länder.

Staatsgeiseln

Das Kapern von Flugzeugen, das Entführen und Ermorden von Politikern und Diplomaten sind zu einer in der ganzen Welt auftretenden und verabscheuten Form des politischen Kampfes radikaler Gruppen und Individuen gediehen.

Ulbricht in Prag

Vier Tage Zeit nahm sich Walter Ulbricht mitsamt seiner Führungsspitze für seine Mission in Prag. Heikel: Denn seit dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten vor zwei Jahren kam Ulbricht zum ersten Male in die Tschechoslowakei.

Schwung für Europa

Die Außenminister der europäischen Sechsergemeinschaft haben sich am Dienstag dieser Woche in Luxemburg endgültig auf eine politische Zusammenarbeit geeinigt.

Ein Streik, der zum Himmel stinkt

Sie geben mir genau das, was ich verlange, Chef, keinen Penny mehr und keinen Penny weniger", sagt Shaws legendärer Londoner Müllkutscher Doolittle zu dem perplexen Higgins, dem er fünf Pfund im Tausch gegen seine Tochter abluchsen will.

ZEITSPIEGEL

FDP-Vorsitzender "Franz Josef Strauß ruft zur Schlacht um Deutschland auf. Wir und mit uns alle Demokraten haben darauf zu achten, daß diese Schlacht nicht zur Schlachtbank der Demokratie wird.

Bonn:: Die letzten hohen Hürden

alter Scheel, das ist die einhellige Meinung in Bonn, geht einen schweren Gang, wenn er am nächsten Montag nach Warschau reist, um den Vertrag mit Polen unter Dach und Fach zu bringen.

Warschau:: Hoffen auf Scheel

Wer hätte, sich noch vor zwei Jahren vorstellen können, daß Gomulka mehr um den Bestand, der Bonner Bundesregierung bangt als um die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze? Am Vorabend der Reise Außenminister Scheels zu den Schlußverhandlungen gibt es in Warschau "keinen Zweifel an der Aufrichtigkeit Willy Brandts", wie der Deutschlandexperte Richard Wojna schreibt – wohl aber die Befürchtung, die Bundesregierung, zumal ihr kleiner Koalitionspartner, könnte aus innenpolitischen Gründen den Vertrag mit Polen so aushöhlen, daß seine geschichtlich-psychologische Bedeutung für die Versöhnung der beiden Völker darunter litte.

Ausgewiesen aus Moskau

Es war um fünf Uhr am letzten Donnerstagnachmittag, als mein Nachbar und Kollege von der japanischen Nachrichten-Agentur Kyodo bei mir im Moskauer Newsweek- Büro anklopfte, um, so dachte ich, ein wenig zu plaudern.

Im Schatten des Toten

Kairo im Spätherbst 1970 ist keine Stadt mitten im Krieg. Von den Fenstern der Häuser in den Hauptstraßen bröckelt die häßliche violettblaue Farbe ab, die nach der Juni-Schlacht vor drei Jahren zur Verdunkelung der Stadt gegen Angriffe israelischer Bomber angestrichen worden war.

Staatsräson auf französisch

In dem Dreigestirn junger Revolutionäre, deren Stimmen im stürmischen Mai des Jahres 1968 die Barrikadenkämpfer anfeuerten, war Alain Geismar, der jetzt von einem Pariser Gericht zu Gefängnis verurteilte Oberassistent an der naturwissenschaftlichen Fakultät der Sorbonne, die am wenigsten populäre Gestalt.

Harsche Worte – freundliche Dialoge

Gestern noch harsche Worte und versteckte Drohungen, Kanonenbootdiplomatie im Mittelmeer und in der Karibischen See – heute wieder freundschaftliche Dialoge zwischen Rogers und Gromyko und ein beinahe warmherziger Empfang mit stundenlanger Aussprache für den sowjetischen Außenminister durch Präsident Nixon im Weißen Haus: Es ist nicht leicht, sich diese Stimmungsschwankungen zwischen den beiden Weltmächten zu erklären.

Gerhard Löwenthal, überlebensgroß

Gerhard Löwenthal hat eine merkwürdige Verhandlung durchgemacht. Vor anderthalb Jahren war er nach dem Urteil vieler Kollegen ein Fernsehmoderator eher mäßiger Qualität, der manchmal Politiker der einen, manchmal der anderen Couleur verärgerte.

Geheimkrieg um Millionen

In dieser Woche wurde in der Villa Hammerschmidt die "Deutsche Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung" feierlich aus der Taufe gehoben – ein Jahr nach der Ankündigung durch die Regierungserklärung.

Bonn: Gegen Pornographie

Der von der Bundesregierung vorgelegte Reformentwurf zum Sexualstrafrecht schlägt hohe Wellen. Er ist in den Landtagswahlkämpfen in Hessen und Bayern zu einem Hauptthema geworden.

Dokumente der ZEIT

"Allein der Name der Organisation der Vereinten Nationen erinnert uns daran, daß bei ihrer Gründung die Tatsache in Betracht gezogen ist, die Bemühungen aller Nationen unseres Erdballs zu vereinen, um einen dauerhaften Frieden zur Sicherung der freien Entfaltung eines jeden Volkes verwirklichen zu können.

Folterungen: Brasilien angeklagt

Die Diskussion um die Folterungen und Polizeimethoden in Brasilien hält an. Auf der ersten Sitzung des "Deutschen Forums für Entwicklungspolitik" hielt der streitbare brasilianische Erzbischof Camara das Hauptreferat.

Härtere Töne zu Nahost

Die Aussichten auf eine baldige Wiederaufnahme der Nahost-Friedensgespräche haben sich zu Wochenbeginn verringert. Die gegen den Willen Israels eröffnete Nahost-Debatte der UN-Vollversammlung hat vorübergehend zu einer Verschärfung der Tonart geführt.

Chile: Allende gewählt

Unter strengen Sicherheitsmaßnahmen wählte der chilenische Kongreß am Wochenende den Marxisten Salvador Allende zum neuen Präsidenten.

Kanada: Erfolglose Suche

In Kanada geht die Suche nach dem entführten britischen Diplomaten Cross und seinen Entführern, Mitgliedern der "Front für die Befreiung Quebecs" (FLQ) unvermindert weiter.

DDR-CSSR: Gewinn für beide

Um demonstrative Übereinstimmung und gegenseitig bekundete Unterstützung waren Prag und Ostberlin bei dem viertägigen Besuch einer SED-Delegation unter Walter Ulbricht in der Tschechoslowakei bemüht.

Opposition:: Nicht nach Warschau

Die Bundesregierung hat den Beschluß der Opposition, keinen Beobachter zu den deutsch-polnischen Verhandlungen zu entsenden, scharf kritisiert.

Das Verhältnis bleibt kühl

Das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion bleibt weiterhin kühl. Ein zweieinhalbstündiges Gespräch, zu dem Präsident Nixon in der vorigen Woche mit dem sowjetischen Außenminister Gromyko zusammentraf, brachte nicht die erhoffte Verbesserung der Atmosphäre, an der Washington besonders im Hinblick auf die nächste Runde der SALT-Gespräche interessiert ist.

Porno und Politik

Die Laster liegen nicht an der Zeit; sie liegen an den Menschen. Kleine Epoche ist frei von ihnen. Aber jede Epoche legt sie anders aus.

"Retten war mein Ideal"

Am Ferienstrand sind sie die Idole von Schülern – die Rettungsschwimmer der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft. Sie sind jung und fit und können schwimmen und tauchen, wie es ihre Bewunderer ihnen gern nachtun würden; Ihre Attraktivität ist der von Skilehrern vergleichbar, nur hat ihnen nachzueifern mehr Aussicht auf Erfolg.

Ostarbeit für Westdevisen: Frischer Wind aus dem Osten

In der Stadt der Märklin-Eisenbahnen, in dem schwäbischen Göppingen, glaubt man nicht an Heinzelmännchen. Mit um so größerem Staunen wird das Engagement der 40 rumänischen Bauarbeiter bewundert, die zur Zeit winterfeste Baubaracken mit Zentralheizung und Brausen für ihre 150 Landsleute erbauen.

Ein Jahr noch dem Brand in Aumühle: Dorf ohne Deppen

Pfarrer Georg Stetter, katholischer Seelsorger bei Passau, gibt Rat. "Man sollte", so empfiehlt er, "endlich mit der Sache aufhören", man sollte "keine dummen Fragen mehr stellen", und überhaupt: ihn ginge das Ganze gar nichts an.

Hintermänner

Im Januar hatte die Kölner Kabelfirma Felten & Guilleaume Schlagzeilen gemacht. Ihr Werkschutzleiter Friedrich Boljahn hatte für rund 600 Belegschaftsmitglieder eine geheime Vorstrafenkartei mit privaten Verfehlungen angelegt.

Das Kollektiv hat versagt

Zwei Jungen stehen vor Gericht.’ Peter und Helmut, beide fünfzehn Jahre alt. Sie haben Mopeds beschädigt, Verkehrsschilder zerstört und – angetrunken – an der Autobahn mit Steinen nach vorbeifahrenden Fahrzeugen geworfen.

Erstes Urteil im Rasen-Prozeß: Ruhe kontra Toben

"Bei Meidung einer Geldstrafe in unbegrenzter Höhe oder einer Haftstrafe bis zu sechs Monaten" untersagte der Richter den Eheleuten Konrad und Marlise Loew, ihre Kinder Sabine, Johannes und Martin auf dem Rasen der Siedlung spielen zu lassen.

Die Bremer Universität in der Sackgasse: Das Ding läuft nicht

Bremen steht kopf, Wo links, rechts, oben und unten ist, weiß seit dem 17. Oktober an der Weser kaum mehr einer. Wem lange schon bange war um den Gesundheitszustand des ein Jahr lang in Sachen Baulandskandal vernehmungsunfähigen Maklers Wilhelm Lohmann, der darf nun aufatmen: "Millionenwilli", heimgekehrt aus dem Harzsanatorium, prostete Seit an Seit mit Gewerkschaftsboß Richard Boljahn und Polizeipräsident von Bock und Pollach dem verblüfften Volk per Zeitungsphotos zu.

Fernsehen: In der Sackgasse

Die Überlegung scheint plausibel, der Gedanke folgerichtig zu sein: Um die Normalität eines scheinbar exzentrischen Falls, die von der Gesellschaft als schicksalhafte Selbstverständlichkeiten begriffenen sozialen – Voraussetzungen eines Verbrechens zu illustrieren, spart man den Täter aus, verzichtet auf die Vorführung des (austauschbaren) Subjekts (das in Wirklichkeit nur Objekt ist) und macht derart, durch eine Fülle von Zeugenaussagen, zum eigentlichen Protagonisten des Geschehens die Verhältnisse, die nicht so sind, wie sie sein sollten.

Nordische Filmtage in Lübeck: Lauter nette Leute

Der längst zur professionellen Attitüde gewordene Ärger über Festivals will sich in Lübeck nicht einstellen: Dieses verlängerte Filmwochenende, das seit 1956 besteht, aber nie Festival-Ehrgeiz entwickelt hat, ist gut geplant, bringt niemanden in Terminschwierigkeiten, plagt keinen mit Jury-, Wettbewerbs- und Strukturproblemen.

Musikratstagung in Bremen: Prästabilierte Harmonie

Die Damen und (in der erdrückenden Mehrzahl) Herren des Deutschen Musikrats, jenes offiziösen Dachverbandes derer, die auf irgendeine Weise am deutschen Musikleben Geld verdienen, die im ehrwürdigen holzgetäfelten Bremer Rathaus ihre 11.

Kunstkalender

Das Angebot an Handzeichnungen ist knapper, als man das bei Gerda Bassenge gewohnt ist. Ein paar schöne italienische Blätter, Landschaften von Cantagallina, ein kleines Studienblatt von Contarini, eine reizende Karikatur von Mola, "Der Kunstbetrachter", Feder braun laviert, für 950 Mark.

Sehnsuchtsgestörte Computer

Hans Castorp, der Gralsritter vom Zauberberg, lernt es im Schlafe: den rechten Umgang mit dem Tod. Angeregt vom Schneewind und ein wenig Portwein läßt ihn Thomas Mann vom "Blutmahl der Menschheit" träumen, von der "Freiheit, Durchgängerei, Uniform und Lust des Todes".

Antiautorität

Antiautorität, wie ich sie verstehe, hat nichts mit Politik zu tun. Summerhill ist dann antiautoritär, wenn unter "autoritär" die Herrschaft der Erwachsenen über die Kinder verstanden wird.

ZEITMOSAIK

In einer vorwiegend politischen Zeit wird selten ein reines Kunstwerk entstehen. Der Dichter in solcher Zeit gleicht dem Schiffer auf stürmischem Meere, welcher fern am Strande ein Kloster auf einer Felsklippe ragen sieht; die weißen Nonnen stehen dort singend, aber der Sturm überschrillt ihren Gesang.

Affäre eines Übermenschen

Der Schluß des ersten Teils von Goethes "Faust" (jenes Umdrehen des gräßlichen "Gerichtet" in ein begütigendes "Gerettet") müßte einem weltlichen Menschen ganz schön auf die Nerven gehen.

Autoren – keine Unternehmer

Die Finanzgesetzgebung weiß nicht recht, wo hin mit den Schriftstellern. Sie klassifiziert (und besteuert!) sie als freie Unternehmer.

Stichwort: Unterrichtstechnologie (4): Eine neue Industrie entsteht

In neueren Statements erklärte der rheinlandpfälzische Kultusminister Bernhard Vogel, was ihn bewogen hätte, mit dem ZDF das Projekt Universitätsfernsehen zu forcieren: Nicht etwa die Hoffnung, auf billige Weise das Kapazitätsproblem der Hochschulen zu beheben; nicht der Wunsch, über ein von den Rundfunkanstalten produziertes oder mitproduziertes Lehrprogramm dem Staat ein direkteres Eingreifen in die Lehrverhältnisse der Hochschulen zu ermöglichen; nicht das Bedürfnis, sich oder seine Partei als Herold moderner Technologie zu profilieren; nicht die Absicht, die paralysierten Universitäten zu didaktischen und organisatorischen Innovationen zu zwingen – nichts von all dem, was Freunde und Feinde gemutmaßt haben.

Die neuerweckte Lust am Handeln

ADELBERT REIF: In Ihrer Studie "Macht und Gewalt" gehen Sie an mehreren Stellen auf die revolutionäre Studentenbewegung in den westlichen Ländern ein.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Ein neues Talent geht um in den Konzertsälen und auf der Platte – neu ist es eigentlich nur auf dem kontinentalen Markt, in England machte es schon 1961 und dann 1968 wieder von sich reden: Stephen Bishop, Jahrgang 1940, Sohn jugoslawischer Eltern, in Amerika geboren, in San Franzisko erzogen, seit zehn Jahren in England; das notwendige und jederzeit und überall verkäufliche Repertoire zwischen Klassik und früher Moderne, eine Uraufführung von Bennett vor zwei Jahren.

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