Aus zwei älteren Erzählbänden setzt sich ein für den deutschen Konsumenten ausgesucht ter Novellenband zusammen, der einen zeitgemäßen und appetitanregenden Titel trägt –

Aldo Palazzeschi: „Die Mechanik der Liebe“, aus dem Italienischen von Charlotte Birnbaum; Benziger-Verlag, Zürich/Köln; 266 S., 19,80 DM.

Palazzeschi, 1885 in Florenz geboren, gilt seltsamerweise auch heute noch als einer der Granden der italienischen Prosa. Einst stand er dem Futurismus nahe, machte Stilexerzitien in frühen Gedichten und wandte sich dann dem Roman zu. Obwohl in Italien keiner mehr seine Hauptwerke „Die Schwestern Materassi“ und „Die Brüder Cuccoli“ liest, weiß die mittlere Generation noch, daß Palazzeschi einen „gepflegten Stil“ schreibt und daß er „mit der Waffe der Ironie“ gegen die scheinheilige Spießbürgerlichkeit des Provinz-Italien kämpfte.

Mittlerweile ist Italien weniger provinzlerisch und weniger spießig geworden. Infolgedessen ist der Leserstamm, für den Palazzeschi in Frage kommt (bekanntlich lesen die Spießer am liebsten, was gegen die Spießer geschrieben wird), im Aussterben.

Daß Palazzeschis ironische Feder zur Entspießerung Italiens beigetragen hätte, kann man kaum glauben, wenn man seine boshaften Geschichten so nachträglich liest. Sie wirken nämlich wie müde Ableger von Maupassant oder wie letzter Aufguß von Boccaccio.

Nur eine einzige Erzählung verrät, was Palazzeschi vielleicht hätte schreiben können, wenn ihn die enge Umwelt nicht so gefesselt, das heißt im doppelten Sinne fasziniert hätte. Diese Geschichte ist nicht aus dem Vorkriegs-Florenz gegriffen wie die anderen. Sie ist ein völlig verrottetes Märchen und heißt „Der schöne König“. Daß der schöne junge König eigentlich ein Mädchen ist, welches zwecks Erhaltung der Dynastie in einen Panzer gezwungen und mit zwanzig Jahren verheiratet wird, dann aber selber unpassenderweise dank der Leibwache einen Kronprinzen zur Welt bringt, ist an sich keine neue Idee.

Aber geschrieben ist die Geschichte weitaus kalorienreicher als die antikleinbürgerlichen Boshaftigkeiten. Sie blitzt von Zweideutigkeiten und pornographischen Seitenblicken und bietet als einzige die Eleganz des Stils, die man Palazzeschi so nachrühmt. Ganz entfernt meldet sich ein Vergleich mit Oscar Wilde – aber ach, dazu fehlte es nicht nur am Glanz der großen, weiten Welt, sondern vor allem auch am Glanz der Tiefe.

Toni Kienlechner