Die Freien Demokraten haben eine letzte Chance – Viel bundespolitische Prominenz im Wahlkampf

Von Dieter Buhl

Die Sozialdemokraten fordern: „Wählt SPD – damit der Fortschritt weitergeht!“ Die CDU verkündet: „Wir kommen!“ Die FDP ermuntert: „Wählt David, Goliath schläft!“

Plakate und Zeitungsanzeigen verbreiten die ebenso einprägsamen wie inhaltslosen Wahlslogans. Doch wer in diesen Tagen durch Hessen reist, stellt fest, daß die Unverbindlichkeit der Parolen in striktem Gegensatz zur Tragweite der Entscheidungen stehen, die am 8. November fallen. An diesem Tag wählt Hessen, das für die einen das fortschrittlichste Bundesland, für die anderen ein sozialistisches Experimentierfeld ist, seinen, Landtag. Dabei geht es nicht nur um den Ausbau der Straße von Louisendorf nach Ellershausen oder um mehr Kindergärten und bessere Berufsschulen. Es steht auch das gesellschaftspolitische Konzept zur Wahl, das die SPD in den 25 Jahren als Regierungspartei in Hessen entwickelt hat. Schließlich wird am 8. November über das Schicksal der hessischen FDP und damit möglicherweise über den Fortbestand der sozialliberalen Koalition in Bonn entschieden.

Diese weitreichenden Aspekte der Wahl haben die bundespolitische Prominenz auf den Plan gebracht. Sie ist in Hessen zu einer Großoffensive auf den Wähler angetreten. Es gibt kaum eine Stadt, in der in diesen letzten zwei Wochen vor der Wahl nicht täglich irgendein bekannter Politiker aus Bonn aufkreuzt. Doch die Hauptlast des Wahlkampfes liegt auf den hessischen Vertretern der drei Parteien, die trotz aller Bemühungen der NPD, DKP und EP (Europapartei) voraussichtlich das Rennen unter sich ausmachen werden: auf dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Albert Osswald und den Mitgliedern seines Kabinetts, auf dem CDU-Spitzenkandidaten Alfred Dregger und „seiner Mannschaft“ und auf der kleinen FDP-Landtagsfraktion, die von Heinz Herbert Karry angeführt wird.

Ohne Zweifel ist Albert Osswald weitaus bekannter als seine Konkurrenten. Er ist zwar erst seit einem Jahr Regierungschef in Wiesbaden, aber er hat sich zuvor als Wirtschafts- und Finanzminister einen Namen gemacht. Doch der untersetzte Mann ist trotz seines Popularitätsvorsprungs nicht ganz zufrieden. Er ist Nachfolger Georg-August Zinns, der in seinen neunzehn Jahren als hessischer Ministerpräsident zu einem echten Landesvater wurde und den an Beliebtheit wohl kein anderer Landespolitiker in der Bundesrepublik übertraf. Diese Statur wird Osswald nie erreichen. Die Zeiten sind nicht günstig für politische Vaterfiguren. Aber er gibt sich alle Mühe. In der Diskussion mit politischen Gegnern ist er hart, aber außergewöhnlich fair.

Osswalds Traumziel