Wo die Unterschiede stecken, ist ungewiß. Aber sie müssen vorhanden sein. Äußerlich allerdings gleichen die „Roller“ einander, wie Eier derselben Qualität einander gleich sind: Ein kleines Rad, mit Hartgummi bereift; an beiden Seiten der Achse ein Griff. Man kniet nieder, faßt die Handgriffe, verlegt sein Körpergewicht nach vorn und läßt das Rad vorwärts rollen und wieder zurück. Arme und Schenkel spannen und entspannen sich. Die Bauchmuskeln werden trainiert. Und in der sich weitenden Brust quillt die Hoffnung, daß Körper und Gliedmaßen zu jener schönen, schlanken Harmonie finden, die einst die alten Griechen ausgezeichnet hat.

Die Hoffnung ist berechtigt. Denn eine Inschrift im Schaufenster der Drogerie um die Ecke lautet: „Fünf Minuten täglich, und Sie werden schlank!“ Die Auslage im Sportladen gegenüber sagt sogar, daß nur eine einzige Minute pro Tag genügen werde. Das ist das Wunderbare an den Schlankheitsrollern. Obwohl sie einander zum Verwechseln ähnlich sehen, hat der ein; die fünffache Wirkungskraft. Denn er schafft in einer Minute, wozu der andere fünf braucht. Es sind also Unterschiede vorhanden. Aber wo stecken sie bloß?

Man könnte glauben, daß jener Roller, der nur eine Minute im täglichen Wettlauf um die Schlankheit des Besitzers braucht, teurer sei als der andere. Aber das ist nicht der Fall. Unsere Freundin Rita kaufte den Langstrecken-Roller für mehr als dreißig Mark. Das war schon deshalb überbezahlt, weil sie ohnehin schlank ist, ihre Absicht war weiter nichts, als schlank zu bleiben. Ihr Arzt sagte ihr jedoch, bei ihrem schlanken Zustand sei es angebracht, höllisch aufzupassen, Vorsicht, keine Kurven fahren! Gibt Rita kniend acht auf ihre Bauchmuskeln, springt möglicherweise aus ihrem Rückgrad ein Knorpel heraus oder zwei.’ Dadurch aber, daß es mir gelang, diese ärztlich angedeutete Gefahr dramatisch auszumalen, war. es mir möglich, ihr den Roller für elf Mark abzukaufen. Am Abend des gleichen Tages erzählte mir ein Freund, er habe im Warenhaus einen Minuten-Roller für sieben Mark erstanden. Worauf sie ihm voller Ärger sagte, das könne kein Markenroller gewesen sein, sondern nur ein obskures Plagiat, eine miese Nachahmung, ein Raubroller. Immerhin bleibt zweierlei beachtlich: Erstens haben diese wunderbaren Roller von Amerika die westliche Welt im Siegeszug erobert, darin allein den Pferden Atillas vergleichbar. Zweitens aber haben bei diesem Siegeszug schreckliche Stürze stattgefunden; Preisstürze. Heute, nachdem einige Monate nach dem ersten Auftauchen der wunderbaren Schlankheitsroller vergangen sind, ist es praktisch nicht mehr möglich, einen Preis zu bestimmen. Lasse ich beispielsweise durchblicken, daß ich nicht abgeneigt wäre, einen Zweitroller zu erwerben, werden mir solche für wenige Mark angeboten. Ein Gebrauchtroller mit tadelloser Bereifung, der nur ganz? wenige Kilometer gelaufen war, kostete mich drei Mark zehn und keinen Pfen-’ nig mehr.

„Und sind Sie wenigstens schlanker geworden, seit Sie den Roller benutzen, eine oder fünf Minuten pro Tag?“

„Wo denken Sie hin! Den Roller benutzen, während neuerdings die Ärzte sagen: Achten Sie auf die Brust, die Kniescheibe, das Handgelenk! Vor den Roller möchte die Wissenschaft die ärztliche Untersuchung setzen. Die kommt zum Roller-Preis dann freilich noch hinzu.“