Die im Jahre 1919 erschienenen „Geheimnisse der Weisen von Zion“, in denen eine vorgebliche freimaurerisch-jüdische Weltverschwörung entlarvt wird, sind von Hitler als eine Art politischer Offenbarung aufgefaßt worden. Sie wurden von der nationalsozialistischen Propaganda auch im Ausland systematisch verbreitet, um die Judenpolitik des Dritten Reiches ideologisch zu rechtfertigen. Längst haben sich die „Protokolle der Weisen“ als Fälschung erwiesen. Nachdem die Textgeschichte von der Forschung relativ exakt rekonstruiert worden war, erschien es dringend geboten, die materielle Substanz des auf Freimaurer und Juden bezogenen Verschwörerdenkens empirisch zu untersuchen. Dieses anspruchsvolle Arbeitsziel stellte sich

Jacob Katz: „Jews and Freemasons in Europe 1723–1939“; Harvard U. P., Cambridge/Mass., 293 Seiten, 11 $

Der Autor, Professor für Soziologie und gegenwärtig Rektor der Hebräischen Universität in Jerusalem, hat sich bereits durch seine Frankfurter Dissertation „Die Entstehung der Judenassimilation in Deutschland und deren Ideologie“ (1935) als Kenner der Emanzipationsbestrebungen des Judentums in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ausgewiesen.

Gerade die Freimaurerideologie, zumindest innerhalb des Arkanbereichs der Logen, hat von den konfessionellen und ständischen Schranken bewußt abgesehen. Darum lag es nahe, daß die aufgeklärten Juden, welche die Enge des Gettos als stickig empfanden und sich in die entstehende bürgerliche Gesellschaft sozial zu integrieren suchten, dies vor allem auch durch einen Eintritt in eine Freimaurerloge realisieren zu können hofften. In der Folge kam es in vielen Ländern Europas – insbesondere aber in Preußen – innerhalb der Logen und in der Öffentlichkeit zu Konflikten zwischen den christlichantisemitischen Traditionalisten und den Aufklärern, welche die Einlaß begehrenden Juden im Namen der Brüderlichkeit und der Gleichheit oft emphatisch willkommen hießen.

Es ist also nicht erstaunlich, daß die Repräsentanten des Ancien Regime, das vom Bündnis zwischen „Thron und Altar“ geprägt war, dazu neigten, die bürgerliche Emanzipationsbewegung als Folge freimaurerisch-jüdischer Machenschaft ten zu interpretieren. Dementsprechend sind die Revolutionen von 1789, 1830, 1848 und besonders die revolutionären Veränderungen nach dem Zweiten Weltkrieg von Angehörigen der alten Oberschicht als angebliche Resultate jüdisch-freimaurerischer Verschwörungen „entlarvt“ und systematisch diffamiert worden. Dabei hat die rechtsradikal-konterrevolutionäre Propaganda den Begriff „freimaurerisch-jüdisch“ weitgehend mit „demokratisch“ und „sozialistisch“ gleichgesetzt.

Katz kann Kontinuitäten, die vor allem auch für die historische Bewertung der nationalsozialistischen Bewegung von Bedeutung sind, mit einer Fülle bisher unbekannten Materials belegen. Seine Arbeit zeichnet sich aus durch gedrängte Darstellung, große Präzision und eine wohltuende Nüchternheit. Ein Querschnitt durch zweihundert Jahre deutscher Geschichte, die aus europäischer Perspektive behandelt wird.

Johannes R. von Bieberstein