Nordrhein-Westfalen auf dem Weg in das Jahr 2000 – Fünfzehn Prognosen, Herausgegeben von Ernst Schmacke im Droste Verlag, Düsseldorf. 346 Seiten, Leinen 26,80 DM, Paperback 19,80 DM.

In die Zukunft blicken zu können, ist von jeher ein Wunschtraum der Menschheit. Wie sonst könnten Kartenleserinnen, Wahrsagerinnen und Traumdeuter im Zeitalter der Raumfahrt, des Computers und der wissenschaftlichen Planung immer noch so glänzende Geschäfte machen. Und selbst manche Politiker, die die Verantwortung für die nächste Zukunft ihres Landes tragen, gehen – wenn auch heimlich – zu einer Astrologin, um die kommenden Ereignisse zu erfahren.

Dagegen steckt die wissenschaftliche Zukunftsforschung noch in den Kinderschuhen. Außer wenigen, noch recht zarten, Ansätzen an einigen Universitäten sowie der Institute zur Erforschung technologischer Entwicklungslinien in Hannover und dem Münchner Max-Planck-Institut zur Erforschung der Umweltbedingungen gibt es in der Bundesrepublik kaum etwas, was die Bezeichnung Zukunftsforschung wirklich verdient. Die Forderung nach einem Zentralinstitut für Zukunftsforschung in der Bundesrepublik blieb bisher ungehört.

Daß die Bundesrepublik auf diesem Gebiet international hinter anderen Ländern hinterherhinkt, mag auch daran liegen, daß nach 1945 die Schaffung erträglicher Lebensbedingungen mit den vorhandenen Mitteln dringlicher war als alle anderen denkbaren Aufgaben. Aber nach 25 Jahren, nach der Beseitigung von Elend und Not, ist es trotz zweifellos noch bestehender Mißstände höchste Zeit, über das Heute hinaus festzulegen, wie das Morgen aussehen soll.

Es ist das Verdienst von Ernst Schmacke, Journalist und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit eines großen Maschinenbauunternehmens im Ruhrgebiet, in seinem Buch auf die notwendige Weichenstellung für das größte Bundesland der Bundesrepublik hingewiesen zu haben. Er hat 19 namhafte Wissenschaftler und Praktiker gewinnen können, auf ihren Fachgebieten die Erfordernisse und Notwendigkeiten zu untersuchen, wenn die Menschen in den nächsten drei Jahrzehnten mit den Wandlungen fertig werden sollen, die die technische Revolution, die Bevölkerungsexplosion und die Fortschritte der Geisteswissenschaften mit sich bringen werden.

Um nur einige wirtschaftliche Daten zu nennen: Das Ruhrgebiet, heute eine Zusammenballung von Städten und Gemeinden mit mehr als fünf Millionen Einwohnern,- wird in den nächsten 30 Jahren zu einer Riesenstadt zusammenwachsen, die unter den 20 größten. Städten der Welt zu finden sein wird, mit allen Konsequenzen für den Verkehr, die Verwaltung und die Versorgung. Die Zahl der Fluggäste in Düsseldorf wird sich allein bis 1977 mehr als verdreifachen. Das Anwachsen der motorisierten Verkehrsteilnehmer wird einen Ausbau des vierspurigen Straßennetzes erfordern, so daß keine nordrhein-westfälische Großstadt weiter als sechs Kilometer von einer Autobahn entfernt sein wird. Allein die Bekämpfung der Wasserverschmutzung des Rheins wird im gerade begonnenen Jahrzehnt zwischen fünf und sechs Milliarden Mark erfordern, soll die Trinkwasserversorgung in seinem .Einzugsgebiet für 25 Millionen Menschen gesichert werden.

Es versteht sich, wenn in einer Betrachtung der Zukunft Nordrhein-Westfalens, das die meisten Deutschen mit dem Industriezentrum Ruhrgebiet identifizieren, wirtschaftliche Fragen im Vordergrund stehen, sei es die Zukunft der Eisen- und Stahlindustrie, sei es die Chemie oder die Energiewirtschaft. Daneben werden Fragen behandelt, die mit dem zusammengeballten Wirtschaftsprozeß in Verbindung stehen, also Fragen der Städteplanung, des öffentlichen und des Individualverkehrs, des Gesundheitswesens und der Ausbildung.