Von Karlheinz Kleps

Wer es unternimmt, der in den letzten Jahren unter veränderten Vorzeichen wieder vieldiskutierten Frage nachzugehen, ob und inwieweit von einer Annäherung der Wirtschaftssysteme in Ost und West gesprochen werden kann, der stößt sehr bald auf eine Vielfalt divergierender Meinungen, die eine Urteilsfindung nicht leicht machen. Um so notwendiger erscheint es deshalb, sich zunächst eine klare Ausgangsvorstellung zu verschaffen, die dann für alle weiteren Betrachtungen, gleichsam als Kompaß zu dienen vermag. Vereinfachend dargestellt, ergibt sie sich mit folgendem Bild:

Alle in der Realität anzutreffenden Wirtschaftssysteme lassen sich auf einer Skala anordnen, die von zwei theoretischen Extremfällen begrenzt wird. Auf der linken Seite – um damit im vertrauten Schema zu bleiben – handelt es sich um das Modell einer zentral geleiteten Wirtschaft mit hundertprozentiger Ausprägung des staatlichen Subordinationsprinzips und auf der Gegenseite um den Modellfall einer dezentral geleiteten Wirtschaft mit umgekehrt hundertprozentiger Ausprägung des marktmäßigen Koordinationsprinzips.

Beide Modelle, zwischen denen jede Standortveränderung auf der Skala zu einer entsprechenden Änderung auch des jeweiligen Verhältnisses zwischen staatlicher Subordination und marktmäßiger Koordination führt, sind nicht realisierbar. Denn während auf der linken Seite ein existentieller Minimalbedarf an individueller Entscheidungsfreiheit nicht unterschritten werden kann und es stets gewisse ökonomisch relevante Vorgänge gibt, die sich einer zentralen Lenkung entziehen (beispielsweise die Bevölkerungsentwicklung und deren Struktur), würde auf der rechten Seite eine totale Degradierung des Staates zum sozialökonomischen Nachtwächter alle jene Erscheinungen in überspitzter Form zur Folge haben, in denen das Versagen des klassischen Liberalismus im 19. Jahrhundert zum Ausdruck gekommen ist.

Bei allen realisierbaren Wirtschaftssystemen handelt es sich mithin um dualistische Mischsysteme, die sich zwischen den beiden theoretischen Denkmodellen auf der Skala in drei verschiedenen Zonen ansiedeln. Ihre charakteristischen Merkmale, durch die sie sich grundlegend voneinander unterscheiden, bilden in der linken Zone eine eindeutige Dominanz der zentralen Lenkung und in der rechten Zone ein ebenso eindeutiges Primat der marktwirtschaftlichen Koordination. In der mittleren Zone verliert sich die prägende Kraft der beiden unterschiedlichen Steuerungsprinzipien, und zwar mit zunehmender Annäherung an die Schwelle der Systemtransformation, die in der Mitte der Skala liegt.

Auf die heutige Realität bezogen, finden sich in der linken Zone die primär zentral geleiteten Wirtschaftssysteme der sozialistischen Länder, in der rechten Zone die vorwiegend marktwirtschaftlich gesteuerten Systeme der hochentwickelten westlichen Industrienationen und schließlich in der mittleren Zone jene vornehmlich von der großen Gruppe der Entwicklungsländer repräsentierten Systeme, in denen weder das eine noch das andere Lenkungsprinzip klar dominiert.

Wie aus dieser schematischen Aufteilung hervorgeht, bestehen theoretisch, drei verschiedene Möglichkeiten einer Annäherung der östlichen und der westlichen Wirtschaftssysteme, nämlich?