Berlin Vom 2. bis zum 7. November, Galerie Gerda Bassenge: "Kunst- und Buchauktionen"

Das Angebot an Handzeichnungen ist knapper, als man das bei Gerda Bassenge gewohnt ist. Ein paar schöne italienische Blätter, Landschaften von Cantagallina, ein kleines Studienblatt von Contarini, eine reizende Karikatur von Mola, "Der Kunstbetrachter", Feder braun laviert, für 950 Mark. Hervorragend ist ein Konvolut Berliner Zeichnungen des frühen 19. Jahrhunderts aus Klebebänden, die dem "Berlinischen Künstler-Verein" gehörten, die Künstler zeichneten sich gegenseitig an ihren Vereinsabenden. Am interessantesten drei Porträtzeichnungen von Blechen (zwischen 1000 und 1500 Mark) und ein Dutzend Feder- und Pinselzeichnungen von Schadow (zwischen 1200 und 3600 Mark), der sich hier als das Gegenteil eines trockenen Akademikers und Klassizisten präsentiert. Bei der alten Druckgraphik findet man einige berühmte und gesuchte Blätter, Mantegnas "Bacchanal" (für 12 000 Mark), das Dürer nachgezeichnet hat, von Dürer immerhin neun Blätter, darunter seine letzte Eisenradierung "Die Kanone" (auf 18 000 Mark geschätzt). Ein seltenes Dokument zur Theatergeschichte: die Bühnenbilder von Burnacini zur Oper "Il pomo d’oro", die 1667 im kaiserlichen Theater in Wien Premiere hatte, 23 Radierungen für 2400 Mark. Die Blätter von Nicoletto da Modens sind die wichtigsten Beispiele für das Grotesken-Ornament und mit 3600 Mark angesetzt. Die Kunst des 20. Jahrhunderts umfaßt über 900 Katalognummern, viel Barlach, Corinth, Liebermann, Slevogt, in die Spitzengruppe gehören Blätter von Max Ernst (von 1200 bis 200 Mark), "Xylographies" von Kandinsky, fünf Holzschnitte für 8000 Mark. – Vom 5. bis zum 7. November werden rund 1800 Bücher und Autogtaphen versteigert, am umfangreichsten die Abteilung "Alte Drucke".

Hannover Bis zum 11. November, Galerie Brusberg: "Vier Berliner: Berges, Diehl, Petrick & Sorge"

Die vier Maler kommen alle aus der Gruppe Großgörschenstraße, die sich im nachhinein, nachdem sie lange aufgehört hatte zu existieren, als ein ernst zu nehmender und folgenreicher Faktor in der deutschen Malerei der 60er Jahre zu erkennen gegeben hat. Was die Großgörschener programmierten, wurde mit der Formel Neuer Realismus belegt und verharmlost. Ihre Bilder waren nicht bloß realistisch im Sinne irgendeiner beliebigen Gegenständlichkeit, sie waren eine entschiedene Absage an die politische und gesellschaftliche Indifferenz der Nachkriegsmalerei. Und diese Berliner Gruppe manifestierte ihr Engagement nicht durch Aktionen und Happenings, sondern durch ein unbedingt traditionelles Medium, das Tafelbild. Sie malen keine Agitationsbilder, es wird nicht die Linie Groß-Heartfield fortgesetzt, sie arbeiten nicht anklagend, sondern analytisch: Aufklärung gesellschaftlicher Zustände. Die Bilder von Hans-Jürgen Diehl heißen "Manipulation", "Preisverleihung", "Der umfunktionierte Student". Sie beinhalten Kritik nicht nur an der institutionalisierten Macht, sondern ebenso an den Entmachteten und auch an der oppositionellen Linken. Jede Szene spielt auf verschiedenen Bildebenen, die Realitätsfragmente aus zweiter Hand (Diehl entnimmt sie dem visuellen Angebot der Massenmedien) werden hart übereinanderkopiert, und durch diesen rein artifiziellen Trick und eine formal-ästhetische Attraktivität soll ein erkenntniskritischer Prozeß in Gang gesetzt werden, was der realistische Bildreport nicht zu leisten vermag. Wolfgang Petrick denunziert Aggressionen am Beispiel martialisch gerüsteter Trupps von "Touristen" oder "Deutscher Hunde". Peter Sorge thematisiert an Hand von Gummiknüppeln, Maschinenpistolen, Muskelmännern und Mädchenakten den Zusammenhang von Sex und Brutalität. Werner Berges, vergleichsweise unpolitisch, versetzt konfektioniert Frauentypen in ein Rastersystem. Der Erfolg der engagierten Berliner ist unbestritten. Diehl und Petrick waren in diesem Jahr bereits auf dem Kölner Kunstmarkt (bei Brusberg und bei Niepel), auch der progressive Kunsthandel muß sozialkritische Malerei zur Kenntnis nehmen. Gottfried Sello

Weiterhin im Programm:

Baden-Baden Bis zum 22. November, Kunsthalle: "Revolutionsarchitektur"

Die Blätter von Etienne-Louis Boullée (1728–1779) und Claude-Nicolas Ledoux enthalten eine Grammatik des Neuen Bauens, entworfen im Zeitalter der Vernunft.