Von Marcel Reich-Ranicki

Zu den Vokabeln, die in der Bundesrepublik überraschend Karriere gemacht haben, gehört auch das schlichte deutsche Verbum „verändern“. Daran mag der junge Karl Marx schuld sein, genauer gesagt die berühmte elfte seiner „Thesen über Feuerbach“. Sie lautet: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern.“ Ein heikles Wort. Tragen denn jene, die die Welt nur interpretieren, nicht auch zu ihrer Veränderung bei? Und darf man, was der junge Marx in den Jahren vor der Revolution von Philosophie bezogen hat, so forsch und unbekümmert, wie dies heute meist geschieht, auf die Literatur übertragen? Es ist nach wie vor sehr schwer, eine Seite guter deutscher Prosa zu verfassen, und es ist immer sehr leicht, lauthals zu verkünden, man wolle mit dem, was man schreibt, Deutschland und womöglich die ganze Welt verändern.

Auch Horst Krüger würde die Welt gern verändern. Niemand verzichtet von vornherein auf einen so großen Spaß. Doch ist dies, glaube ich, nicht der entscheidende Impuls, dem er als Schriftsteller folgt. Er schreibt, scheint es, ganz einfach um des Schreibens willen. Anders ausgedrückt: nicht um die Welt zu verändern, sondern um das Leben und sich selber zu ertragen. Natürlich polemisiert er oft und mit Vergnügen, aber er gehört zu jenen, die eher in der Defensive sind.

Seine Form ist das Feuilleton. Und die Feuilletonisten agieren nicht, sie reagieren. Sie haben nicht den Ehrgeiz, die Welt herauszufordern: sie sind bescheidener: Ihnen genügt es, der Welt auf ihre Herausforderung zu antworten. Aber indem der Feuilletonist Horst Krüger antwortet, stellt er in Frage, indem er in Frage stellt, charakterisiert er, indem er charakterisiert, kritisiert er.

Darauf ließe sich gleich erwidern, Literatur sei ja immer Deutung und Kritik der Gegenwart. Gewiß, aber das Feuilleton bietet Interpretation ohne Anspruch und auch ohne Gründlichkeit, sofortige Deutung ganz ohne Tiefsinn und ohne Gewichtigkeit, unmittelbare Zeitkritik ohne Stimmaufwand und ohne Feierlichkeit. Vor allem jedoch: das Feuilleton erweist sich als ein betont individuelles Echo auf die Gegenwart, es bewährt sich als eine extrem persönliche Reaktion auf die Umwelt. Dies aber rückt das Feuilleton, wie es Krüger zu üben weiß, in die Nähe nicht etwa anderer Prosaformen, sondern – sehr überraschend – in die unmittelbare Nachbarschaft der Lyrik..

Der Lyriker zeigt seine Epoche und seine Welt, indem er sich zeigt und beschreibt. Nicht anders verfährt der Feuilletonist Horst Krüger: Er behandelt sich selber als eine Art Versuchsperson, die er den Wirkungen seiner Zeit, unserer Zeit aussetzt. Alles, was er geschrieben hat, könnte den Titel tragen: Zum Beispiel Ich. Indem er seine subjektiven Reaktionen auf die objektive Umwelt beobachtet und untersucht, macht er sich selber und zugleich seinen Lesern diese Umwelt bewußt. Im Individuellen wird das Allgemeine erkennbar und faßbar, sein Selbstporträt ergibt immer auch Gesellschaftskritik, Autobiographisches gerät ihm unweigerlich zum Deutschlandbild.

In unserer Zeit wird die Lyrik – aus welchen Gründen auch immer – nur noch von einem sehr kleinen Teil des Publikums überhaupt wahrgenommen. Darf man somit im Feuilleton dieser Art eine demokratische Entsprechung der Lyrik sehen? Sollte gar das Feuilleton heute so etwas wie die Lyrik des kleinen Mannes sein? Auf jeden •Fall ist es Krüger gelungen, mit und in seinen Feuilletons die Synthese von Privatem und Politischem, von Intimität und Öffentlichkeit zu verwirklichen.