Der längst zur professionellen Attitüde gewordene Ärger über Festivals will sich in Lübeck nicht einstellen: Dieses verlängerte Filmwochenende, das seit 1956 besteht, aber nie Festival-Ehrgeiz entwickelt hat, ist gut geplant, bringt niemanden in Terminschwierigkeiten, plagt keinen mit Jury-, Wettbewerbs- und Strukturproblemen. Eine feste Gemeinde trifft sich da jedes Jahr, genießt es, einmal in Ruhe über gesehene Filme reden zu können, plaudert auf vielen meetings in gemütlichen Hanseatenstuben, lobt die großzügige Stadt und die aufgeschlossene kleine Mannschaft der Veranstalter – lauter nette Leute in Lübeck.

Uraufführungen, Neuentdeckungen, Sensationen erwartet keiner von den Nordischen Filmtagen, die nichts wollen als wichtige neue Filme der skandinavischen Länder vorstellen, Filme, die fast alle schon auf Festivals gelaufen, aber in Deutschland noch unbekannt sind. So ist die Auswahl nicht durch fragwürdig gewordene Qualitätsmaßstäbe belastet, sondern allein vom Wunsche einer möglichst repräsentativen Information bestimmt.

An zwei der in Lübeck gezeigten Filme haben amerikanische Verleihe die Weltrechte, versprechen sich jedoch keine Chance für sie in Deutschland. Es waren bezeichnenderweise die zwei besten und wichtigsten: Ingmar Bergmans „Eine Leidenschaft“, ein um vier Personen kreisendes Psychodrama, das wieder auf der Insel Färö, seinem Wohnsitz, spielt, fast ein Extrakt früherer Filme mit den bekannten Bergman-Figuren, -Schauspielern, -Situationen und-Problemen und dann Bo Widerbergs irritierend schön geratene Rekonstruktion eines Streiks von 1931 in Nordschweden, „Adalen 31“.

Sechs der insgesamt neun Spielfilme kamen aus Schweden. Sosehr man sich scheut, die Produktion eines ganzen Landes über einen Kamm zu scheren, so merkwürdig und auffallend war doch der Konsensus in Themenwahl und Grundproblematik dieser Filme: Sie handeln von Idealisten, Künstlern, Träumern, Intellektuellen, jungen Individualisten, auch sie im Grunde lauter nette Leute, denen es nicht gelingt, sich gegen eine Scheinliberale bürgerliche Umwelt durchzusetzen, die alle ihren eigenen „Traum von Freiheit“ haben, die aber scheitern an einem Strafvollzugssystem, das trotz seiner erklärten Humanität nur Rückfällige produziert, an dem perfekten System einer kapitalistisch-bourgeoisen Gesellschaft, die durch ihre so verständnisvolle wie letztlich erbarmungslose Umklammerung jedes einzelnen seine totale Anpassung fordert und sie notfalls erzwingt. Erstaunlich oder vielleicht nur konsequent, daß gerade der fortschrittlichste europäische Sozialstaat diesen einheitlichen Protest gegen seine Gesellschaftsordnung provoziert („Harry Munter“ von Kjell Grede, „Ihr lügt“ von Vilgot Sjöman, „Ein Traum von Freiheit“ von Jan Halldorff und „Die Mißhandlung“ von Lasse Forsberg; die beiden letzten werden in ZDF und ARD gesendet).

In die deutschen Kinos wird nur die gelungene Literaturverfilmung „Stille Tage in Clichy“ von Jens Jörgen Thorsen kommen, ein sehr lustiger und sehr deftiger Film, großartig gespielt, mit viel authentischem Henry-Miller-Klima, und das heißt unter anderem: mit Szenen einer unverblümten, sympathischen Sexualität. Leider werden ihn nur noch die Herren der FSK in Wiesbaden so unverfälscht sehen wie die Lübecker, dann müssen sie ihn beschnibbeln, leider. Sie müssen, weil ihre durch die tägliche deutsche Porno-Kost auf den Hund, gekommene erotische Phantasie nicht wird zulassen können, daß ein Film, der den Sex als etwas Schönes und Natürliches zeigt, ihr alltägliches Plazet für miesen, geistlosen Schund desavouiert. Es wäre doch gelacht, wenn es der FSK, der Synchronisation und der Werbung nicht gelänge, auch diesen Film der üblichen spekulativen, schwülen, Kolle-geschulten Porno-Produktion einzuverleiben.

Wolf Donner