Von H. O. Eglau

Eine betrübliche Bilanz zogen die Ratsherren der schleswig-holsteinischen Metropole Kiel für ihre Stadt: eine sinkende Bevölkerungszahl, vor allem eine Abwanderung jüngerer Arbeitskräfte, eine starke wirtschaftliche Abhängigkeit vom krisenanfälligen Schiffbau und der mit dieser Branche eng verbundenen Maschinenindustrie, sowie negativ beeinflußte Vorstellungen vom Wohnwert der Stadt.

Um Kiel fortan in einem freundlicheren Licht erscheinen zu lassen, sicherten sich die Honoratioren der Förde-Stadt die Dienste gewerblicher Image-Kosmetiker. Durch die Hamburger Werbefirma Junge Agentur und Partner starteten sie letzte Woche eine sechsteilige Anzeigenkampagne im „Spiegel“; das erste Inserat (Slogan: „Schauen Sie ruhig auf Kiel herab“) preist die Stadt als „Platz für Menschen, die dort wohnen und lernen und studieren und arbeiten und freizeiten wollen“.

Die Kieler Kampagne ist die jüngste einer ganzen Serie von Werbefeldzügen, mit denen deutsche Großstädte ihr Bild in der Öffentlichkeit aufpolieren lassen. Leser von Magazinen und Illustrierten finden immer öfter zwischen Anzeigen für Sekt und Zigaretten Inserate für Bremen und Hannover, Nürnberg oder Berlin.

Die Berliner hatten schon vor Jahren damit begonnen, mit der Werbebotschaft „Berlin ist eine Reise wert“ Besucher in die Insel-Stadt zu locken. Als die unmittelbare politische Bedrohung der Stadt nachließ, stellte Berlins Werbehelfer, die Frankfurter Agentur McCann, seine Arbeit auf eine Strategie um, die „die Meinungen über Berlin im Sinne der krisenanfälligen Stadt mit Apo-Krawallen und überalterter Bevölkerung korrigieren sollte“. Provokant texteten die Frankfurter Image-Retuscheure: „Meiden Sie Berlin, wenn Sie nicht wollen, daß Ihr Sohn klüger wird als Sie“. Und auf einem anderen Inserat heißt es: „Auf unseren Straßen kurven nur Omas, in unseren Beatschuppen tanzen nur Opas, unser Institut für Zukunftsforschung wird betrieben, weil Rentner neugierig sind.“

Ihre Anzeigenkampagne (Etat 1970: 1,2 Millionen Mark) ergänzen die Berliner durch eine Reihe flankierender Maßnahmen: So organisiert der Senat für mehr als eine Million Mark jährlich Public-Relations-Aktionen, betreibt für 1,75 Millionen Mark eine ausgedehnte Touristikwerbung und läßt sich den Einsatz von zwei Doppeldecker-Bussen in westdeutschen Städten zur Anwerbung von Arbeitskräften 1,4 Millionen Mark (einschließlich unterstützender Zeitungsinsertion) kosten. Insgesamt gibt die Stadt für Werbemaßnahmen aller Art rund 15 Millionen Mark aus. Allein das Presse- und Informationsamt des Senats verfügt über einen Werbeetat von neun Millionen Mark.

Der Kampf an allen Werbefronten blieb nicht ohne Erfolg: mit 101 500 Neubürgern registrierte Berlin im letzten Jahr die höchste Zuwanderungsquote seit 1961. Die für das erste Drittel dieses Jahres gemeldete Zahl von 35 300 Zuwanderern (Vergleichszahl 1969: rund 30 000) läßt für 1970 einen neuen Rekord erwarten. Überstieg in den ersten vier Monaten 1969 die Zahl der Neu-Berliner die der Abwanderer nur um 2900, so waren es in diesem Jahr zur gleichen Zeit bereits 5900 Personen.