Von Michael Naumann

Vor zehn Jahren hatte ich Mexico, Missouri, verlassen. In einem Greyhound-Bus war ich nach New York gefahren. Illinois war grün, Michigan war grün, Ohio war grün, Pennsylvania auch, alle Staaten waren grün, was an den grünen Fensterscheiben des Greyhound-Busses lag. Nach zehn Jahren kam ich wieder. Das Wetter war einwandfrei, der gesamte amerikanische Mittelwesten lag unter dem Einfluß eines Hochs, kein Regen.

Ich muß erklären: Mexico, Missouri, ist eine Kleinstadt östlich von Kansas City und westlich von St. Louis. In der Nähe von Mexico liegen die Stadt Hermann und die Stadt Hannibal, und auch Kairo ist nur wenige Autostunden entfernt. Irgendwo in Missouri wohnen einige Bauern in dem Dorf namens "Wie geht’s".

Die Pioniere, die auf dem Weg nach dem Westen in Missouri geblieben sind, müssen Realisten gewesen sein: Westlich von Kansas City gab es kriegerische Indianer, kargen Boden und härtere Winter. In Mexico trennten sich die "trails" – der eine führte gen Süden weiter nach Santa Fé, der andere verlief sich irgendwo in Nebraska.

Die Leute von Mexico haben also viele arme Kerle kommen und gehen gesehen, und einer von ihnen war Jesse James, der beste Bandit seiner Zeit. 1960 ging auch ich: ein deutscher Austauschschüler.

Mexico, Missouri, Bevölkerung 12 889, All-American-City 1959, eine Backsteinfabrik, zahllose Tankstellen, rechtwinklige Straßen: Hier ist alles sauber und ordentlich, und böse Gedanken werden vom Nachbarn sofort registriert. Soviel Gutwilligkeit wird in Deutschland als "provinziell" registriert; doch da die meisten Amerikaner immer noch in derlei Städten wohnen oder schon wieder wohnen, fehlt ihnen so ein trefflicher Begriff der Selbstkasteiung.

Und wenn ich an die Intellektuellen des "New Yorker" denke, die hin und wieder in die Provinz fahren, aus der sie kommen, um sich mal richtig mokieren zu können, wünschte ich, in Mexico zu sein, um sie herzlich begrüßen zu können: "Willkommen in Mexico, Missouri, meine Freunde, hier wohnt die schweigende Mehrheit, und links vom Rathaus sehen Sie den Drugstore von Phil Kizers Vater. Phil war einer meiner Freunde, und als wir einmal einen Hund überfuhren, sind wir ausgestiegen und haben geweint. Was sagen Sie nun?"