Von Heinz Michaela

Sie trafen sich auf der Mitte, der klassischen Linie des Kompromisses. Als sich die Verhandlungsdelegation der IG Metall und des Verbandes metallindustrieller Arbeitgeber um drei Uhr in der Nacht vom Donnerstag auf Freitag von dem nordrhein-westfälischen Sozialminister Werner Figgen verabschiedeten, versprachen sie ihm in die Hand, sich bei ihren Verbänden für die Annahme des in zwölf Verhandlungsstunden vereinbarten Kompromisses einzusetzen: Die 1,2 Millionen Metallarbeiter im größten Industrieland der Bundesrepublik sollen vom 1. Oktober an elf Prozent mehr Lohn erhalten.

Eine weitere Runde des bundesweiten Lohn-Pokers in der Metallindustrie war zu Ende. Und erstmals war die magische Grenze von zehn Prozent überschritten worden, jenes Einsatz-Limit, auf das „Gesamtmetall“ (Gesamtverband der metallindustriellen Arbeitgeberverbände) seine Regionalverbände eingeschworen hatte.

Als sich der Hauptvorstand der IG Metall Anfang August zu Beratungen über die neue Tarifrunde in der Metallindustrie zusammensetzte, gab Tarifexperte Hans Mayr unbeeindruckt von allen Maßhalteappellen des Bundeswirtschaftsministers die Parole aus: „Wir werden herausholen, was herauszuholen ist.“

Mayr rechnete den Funktionären vor, daß 1969 die Nettogewinne der Metallindustrie um dreißig, die Nettolöhne dagegen nur um neun Prozent gestiegen sind – Zahlen, die Gesamtmetall allerdings als „höchst fragwürdig“ bezeichnete.

Eingedenk der wilden Streiks im letzten Herbst, der Pression aus den Ortsverbänden und auch der Tatsache, daß die IG Metall in den letzten Jahren mit Tarifabschlüssen zwischen sechs und acht Prozent hinter der konjunkturellen Entwicklung hinterhergehinkt war, hielten die Gewerkschafter eine Lohnforderung von 15 Prozent für gerechtfertigt. IG-Metall-Chef Brenner mußte seinen Bezirksleitern zudem zugestehen, daß diesmal nicht wieder zentral für das ganze Bundesgebiet verhandelt wird.

Bundeswirtschaftsminister Schiller sanktionierte die Gewerkschaftsforderung mit der Bemerkung, daß die IG Metall im letzten Wagen der Lohnbewegung 1969/70 sitze.