Von Alexander Rost

Die Laster liegen nicht an der Zeit; sie liegen an den Menschen. Kleine Epoche ist frei von ihnen. Aber jede Epoche legt sie anders aus. Was jene Laster angeht, die unter dem Worte Unzucht subsumiert werden, das zählte früher zum freien Liebesspiel, was heute zur erzwungenen Abstinenz hinter Gefängnisgittern führt, wie anderes wiederum, was einst auf Schafott und Scheiterhaufen zu sühnen war, mittlerweile kaum mit Augenaufschlag hingenommen wird.

Folgt man freilich den Gedankengängen radikaler Reformer, so gibt es Unzucht gar nicht, müßte das Wort als Unsinn ausgemerzt werden. In solch radikaler Perspektive böte sich dem Blick durch das Schlüsselloch nichts Anstößiges; denn Sex sei gut, schön, richtig, selbstverständlich.

Sex? Schon das Wort, kurz und mit eher frechem als frivolem Klang, scheint die Sache leicht zu machen. Ausgeschrieben zu Sexualität, wird es indes zum Problembündel, zur wissenschaftlichen Angelegenheit, zu politischer Beigelegenheit gleichsam, zu schweigen vom Streit der Weltanschauungen, der sich entzündet, sobald man gewichtigen Begriffen das Präfix „sexual-“ zugesellt, Sexualstrafrecht zum Beispiel.

Das Strafrecht in der Bundesrepublik nimmt sich in dreißig Paragraphen 190 Tatbeständen aus dem Bereich der Liebe, welcher Art auch immer, mit nicht gerade leichter Hand an. Die Zahl läßt etwas von dem Versuch ahnen, lückenlos das zu reglementieren, wovon die einen sagen, es gehe den Staat ganz und gar nichts an, und die anderen behaupten, daß er gerade hier besonders wichtige Schutz- und Trutzfunktionen zu erfüllen habe. Und prompt fallen Wörter wie „Ehe“ und „Familie“, die im Kontext zu hochbrisanter Diskussions-Muniton werden. Dreißig Paragraphen, 190 bestrafbare Tatbestände – das weckt freilich auch den Verdacht, daß man einzugattern versuchte, was weitgehend freie Wildbahn war und geblieben ist.

Das vierte Strafrechtsreformgesetz der Bundesrepublik will das ändern: Die Zahl der Straftatbestände soll erheblich herabgesetzt werden. Der Gesetzentwurf ist Ende vergangener Woche im Bundesrat beraten worden. Wieder einmal wurde dabei die Front in der gesellschaftlich und politisch zweigeteilten Bundesrepublik deutlich.

Bundesjustizminister Jahn, kein vorwärtsstürmender, doch ein- fortschrittlicher Mann, drängt darauf, daß das Strafrecht im sexuellen Feld seine Stellungen zu räumen habe; es stehe dem Gesetz nicht zu, „sittenbildende Kraft“ zu beanspruchen. Wie die Dinge liegen, kann man ihm nicht widersprechen. Die normative Kraft des Faktischen hat die de-jure-Fiktionen in Sachen Sexualität längst überholt. Seit Jungfernschaft von Fünfzehnjährigen schon als Last empfunden wird und das meiste, was in der Vätergeneration noch als Laster galt, den Söhnen nichts als Lust ohne geringsten Gewissensbiß bedeutet, seit die Gesellschaft anders ist als die Amtsstuben-Vorstellung von ihr, ist die Reform des Sexualstrafrechts unabdingbar. Das jedenfalls kann man, auch in so verkürzter Darstellung, als Regierungsmeinung deklarieren.