Sie wollten, so sagte es ihr Präsident Werner Egk, „vermeiden, Gegensätze zu übertünchen“, sie „halten nichts von der Herstellung einer prästabilierten Harmonie“.

Die Damen und (in der erdrückenden Mehrzahl) Herren des Deutschen Musikrats, jenes offiziösen Dachverbandes derer, die auf irgendeine Weise am deutschen Musikleben Geld verdienen, die im ehrwürdigen holzgetäfelten Bremer Rathaus ihre 11. Generalversammlung hielten, waren es leid, als Anachronisten gescholten zu werden.

Bislang hatte der Rat sich hauptsächlich verdient gemacht durch Herausgabe jeweils zwei Jahre und mehr hinter der aktuellen Realität herhinkender Aufstellungen über die Zahl, das Alter, das Geschlecht, die Nationalität und den Bildungsgrad von Musiklehrern und Dorforganisten, Hochschulprofessoren und Bühnensängern, Konservatoriumsgängern und Tutti-Streichern; weiter als Veranstalter eines Wettbewerbs „Jugend musiziert“, bei dem Blockflötisten und Streichquartette, Klavierspieler und Liedsänger prämiert wurden; schließlich auch als Auswahlgremium für ein „Podium junger Künstler“, auf dem ein paar Nachwuchssolisten vorgegaukelt wurde, ihre Leistungen reichten über die musikalische Umrahmung von Trauungs- oder Leichenfeiern hinaus, damit sie dann nach einem vorbereiteten Tourneejahr die Realität des Musikmarktes in all ihrer Grausamkeit erfahren mußten. Daneben hatte der Rat appelliert, hatte Subventionen gefordert beim Bund, bei den Ländern, bei den Kommunen, hatte ansonsten Kulturdemontagen befürchtet, die heiligsten Güter der Nation waren mehrmals in Gefahr – daß die Entwicklung längst ganz woanders angelangt war, hatte der Rat nicht sehen können, weil ja nicht sein kann, was nicht sein darf.

Irgend jemand muß dem Rat gesagt haben, daß es heute schick und modern sei, Strukturanalysen zu betreiben oder wenigstens zu fordern. Und so setzten sie eine solche ins Programm, holten sich die entsprechenden Wissenschaftler aufs Podium, den Musikwissenschaftler Hans Peter Reinecke aus Berlin und den Planungsingenieur Schnelle aus Quickborn, aber noch am gleichen Morgen mußte der Rat erkennen lassen, wie sehr er sich mit solchen Kapazitäten übernimmt.

Der Musikwissenschaftler definierte ihm die „Aufgabe, im Rahmen einer kritischen Analyse der Sozialstruktur musikalischen Verhaltens die Einstellung und deren Motivationen freizulegen, von denen die Richtungen sozialen Handelns in bezug auf die Musikkultur wesentlich beeinflußt werden“. Das schluckten sie.

Er fand weiter, wir stünden „heute vor der Entscheidung, ob wir einer sich anbahnenden äußerst problematischen Entwicklung zusehen wollen, die darin besteht, daß eine unzureichende ästhetische Allgemeinbildung gerade auf dem Gebiet der Musik zu einer oberflächlichen Kommerzialisierung der Musik und damit zu ihrer Pervertierung führen wird, oder ob wir uns dazu entschließen wollen, auf Grund der Analyse der erreichbaren Daten Strategien zu entwerfen, welche die Entwicklung in den Griff zu bekommen suchen“. Vielleicht kann man das auch einfacher sagen; aber der Rat will suchen, in den Griff zu bekommen, auch wenn er nicht weiß, wie.

Und der Wissenschaftler fand schließlich: „Der Gedanke einer Analyse der Befunde und Relationen des Musikleben? kann nur in dem Sinne verstanden werden, daß hier ein spezifischer Selektionsprozeß auf der Hypothese basiert, welche Störungen des Bewußtseins im Auge hat, daß ästhetisches Handeln im allgemeinen und musikalisches im besonderen eine steigende Notwendigkeit für das Leben der Menschen im technologischen Zeitalter darstellen.“