Hamburg

Am Ferienstrand sind sie die Idole von Schülern – die Rettungsschwimmer der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft. Sie sind jung und fit und können schwimmen und tauchen, wie es ihre Bewunderer ihnen gern nachtun würden; Ihre Attraktivität ist der von Skilehrern vergleichbar, nur hat ihnen nachzueifern mehr Aussicht auf Erfolg. Denn schwimmen kann man fast überall und immer. Und wer Rettungsschwimmer werden will, entscheidet sich damit nicht für einen Beruf, sondern dafür, in seiner Freizeit ehrenamtlich zu arbeiten, Menschen vom „nassen Tod“ zu retten und ihnen Unterricht im Schwimmen, Tauchen und – Retten zu geben.

Voraussetzung: Hartes, ausdauerndes Training für stufenweise schwerer werdende Prüfungen und stetes Weitertrainieren. „Aber Rettungsschwimmer sein ist mehr! Die ethische Grundhaltung, das eigene Leben einzusetzen, um das Leben des Nächsten zu retten.“ (Aus den Richtlinien der Gesellschaft.)

Verlangt wird also Idealismus. Verlangt wird auch, daß einer nicht vorbestraft ist.

Vorbestraft aber wird der 28jährige Rettungsschwimmer Hans-Hugo von Rekowski aus Hamburg sein, von Beruf Installateur und Klempner ehrenamtlich für die DLRG seit neun Jahren tätig, es sei denn, die Revisionsinstanz hebt das Urteil der Zweiten Großen Strafkammer des Flensburger Landgerichts auf. Diese verurteilte ihn am 20. Oktober wegen fahrlässiger Tötung zu 1200 Mark Geldstrafe, ersatzweise sechzig Tagen Freiheitsentzug. Der Vorwurf: Rekowski habe am 9. Juli 1969 fahrlässig den Tod von vier neunjährigen Jungen verschuldet, als er einer Gruppe von dreizehn Kindern und zwei Kindergärtnerinnen aus dem Kindererholungsheim Klappholttal auf Sylt erlaubte, beim Baden zu weit ins Wasser zu gehen.

Oberstudienrat Burkhard Grümpel, Leiter des DLRG-Landesverbands Hamburg, zeichnet eine Skizze der Unglücksstelle: Die Dünenlinie vor dem Kinderheim, die Treppe von der Düne zum Strand, nahe am Wasser der mit Telephon ausgerüstete Wagen der DLRG, von dem aus Wachführer Rekowski und der ihm beigegebene Posten die Badestelle im Auge zu behalten hatten. Rechts vom Wagen – mit Blick zur See gesehen – ein in den Sand gestecktes Fähnchen, dreißig bis fünfzig Meter weiter ein zweites, Markierungen für den Abschnitt, in dem gebadet werden durfte. Innerhalb dieser Markierungen durften die Kinder mit der 15jährigen Kindergartenvorschülerin und der 20jährigen Kindergärtnerin vierzig bis sechzig Meter weit ins Wasser gehen, was bedeutete, daß die größeren bis zu den Oberschenkeln, die kleineren bis zu den Hüften hineinkamen. Die von Rekowski festgelegte Distanz endete auf einer vorgelagerten Sandbank.

Die beiden Rettungsschwimmer beobachteten, wie es ihre Pflicht ist, die Kinder, die sich fröhlich im Wasser tummelten. Sie übten damit jene Tätigkeit aus, die der Gesellschaft im Gründungsjahr 1913, als Adler hoch im Kurs waren, das Signum gab: „spähender Adler“.