Frankfurt am Main

Deutschlands Rasenfreunde dürfen aufatmen: Der Frankfurter Amtsrichter Höhn hat die Attacke der kinderreichen Familie Loew auf die Unantastbarkeit der Rasenflächen in einer Siedlung der gewerkschaftseigenen „Neuen Heimat Südwest“ mannhaft abgewehrt:

„Bei Meidung einer Geldstrafe in unbegrenzter Höhe oder einer Haftstrafe bis zu sechs Monaten“ untersagte der Richter den Eheleuten Konrad und Marlise Loew, ihre Kinder Sabine, Johannes und Martin auf dem Rasen der Siedlung spielen zu lassen. Das Urteil ist „sofort vollstreckbar“. Den anarchistischen Umtrieben der Loewschen Kleinen auf den Grünflächen am Frankfurter Heimatring ist demnach energisch ein Riegel vorgeschoben worden.

Die Eltern Loew wollen allerdings in die Berufung gehen. Der Musterprozeß um den Rasen ist also noch nicht ausgestanden. Und den Kindern Sabine, Johannes und Martin, die mit Frau Loew zum Urteilstermin in der vergangenen Woche gekommen waren und die Urteilsverkündung teils großäugig staunend, teils kichernd anhörten, schien der Ernst der Lage völlig unklar zu sein: Als Sabine an der Hand ihrer Mutter den Gerichtssaal verließ, verkündete das aufgeweckte Kind ganz entschieden, ungeachtet der strengen Worte des Mannes im schwarzen Talar, seine Rasenspiele weiter zu betreiben. Mutter Loew lächelte entschuldigend.

Die Kinder Loew werden, wie Rechtsanwalt Armin Golzem in einem Schriftsatz den Richter informierte, „zu selbständigem Denken und Handeln erzogen“. Dies hatten sie unter anderem dadurch bewiesen, daß sie die bislang brachliegenden Grünflächen zwischen den Siedlungshäusern zum Spielen nutzten und, so Anwalt Golzem, „auf ohne Begründung, dafür aber in barschem Ton gegebene Befehle von Nachbarn“, den Rasen nicht zu betreten, „nur ungern reagierten“. Demnächst werden die Kleinen, die schon lesen gelernt haben, selbständiges Denken bei der Lektüre der schriftlichen Urteilsverkündung des Richters Höhn proben können.

Sie dürfte ein lohnendes Objekt für solche Bemühungen werden. Denn schon in der mündlichen Begründung beim Urteilstermin vollführte der Richter erstaunliche Gedankensprünge über die Lücken in seiner Argumentation hinweg.

In bemüht väterlichem Ton formulierte der Richter den Ausgangspunkt seiner Argumentation so: „Kinder müssen beim Spielen toben und schreien können.“ Die Erwachsenen wiederum hätten zu Hause Anspruch auf „Ruhe und Entspannung“. Aus diesen gegensätzlichen Bedürfnissen konstruierte der Richter einen unüberbrückbaren Widerspruch, den er folgendermaßen auflöste: Das mit Lärm verbundene Kinderspiel muß von den nahe bei den Wohnungen gelegenen Rasenflächen auf den weiter entfernten Spielplatz der Siedlung verbannt werden.