Von Wolf Donner

Fernsehspiel, Fernsehfilm, Spielfilm – die Grenzen schwinden immer mehr in dem Maße, wie einerseits das traditionelle Repertoire, von dem die Anstalten bisher profitierten, langsam erschöpft ist und sie die Eigenproduktion intensivieren müssen, andererseits aber die deutsche Filmindustrie ihrem Nachwuchs keine Chance bietet, wenn er nicht in dem landesüblichen Pauker- und Pornoschwachsinn untergehen will. Also arbeiten die jungen Filmmacher immer stärker fürs Fernsehen – und wandern immer mehr Fachleute und Journalisten in die Spiel- und Filmredaktionen der Anstalten ab, die ihrerseits nicht mehr an einer medienspezifischen Ästhetik herumdoktern, sondern Filme machen, egal ob für Leinwand, Bildschirm, Reserve oder Kassette. Man wird sich daran gewöhnen müssen, daß das Kino in den nächsten Jahren vor allem im Fernsehen stattfindet.

Ein gutes Beispiel für die neue Entwicklung ist der achtundzwanzigjährige Hans W. Geissendörfer. Für seinen Vampirfilm „Jonathan“ bekam er 1969 den Bundesfilmpreis; im Jahre davor hatte er für das Bayerische Fernsehen „Der Fall Lena Christ“ gedreht, der vor vier Wochen auch im ersten Pro- – gramm lief, und am 29. Oktober strahlt der WDR den Spielfilm „Eure Rose für jane“ aus. Geissendörfers Lena-Christ-Film ba- – sierte auf dem Selbstporträt „Erinnerungen einer Überflüssigen“ und einer Biographie, deren Texte die Schauspielerin der Hauptrolle (Heidi Stroh) als off-Kommentar sprach oder die in knappen Passagen, streng nach dem Text, als Szenen ausgespielt wurden: ein eigenwilliges dokumentarisches Verfahren nach einer zudem sehr subjektiven Vorlage.

Drei Szenen aus der Erinnerung, faszinierende Beispiele einer komprimierten, hier noch bewußt nicht auf Leinwand-, sondern auf Bildschirmwirkung hin kalkulierten Erzählweise und Handlungsauflösung:

Die Beschreibung ihrer ersten Ehe wird zum Brauttanz erzählt. Ein Gast nach dem anderen fordert sie auf, dreht eckig ein paar Runden, bringt sie zurück, verbeugt sich steif; nur der Bräutigam tanzt nicht, sieht stumpf und desinteressiert zu. Dieses sture Ritual nimmt den deprimierenden Trott ihrer Ehe vorweg, die Erniedrigungen und die menschliche Kälte, die sie in ihr erfahren wird.

Die Vita ihres Vaters, eine Chronik von biblischer Fülle über Ehen, Liebschaften und neununddreißig Kinder, wird zu einer einzigen statischen Einstellung erzählt, die den Todeskampf eines alten Mannes zeigt, im Bett liegend, senkrecht von oben aufgenommen – die Bilanz eines Wüstlings- und Säuferlebens als erbarmungsloses Jüngstes Gericht.

In einer der Prügelszenen steht die Mutter wie eine Rachegöttin auf einem Hügel, die Kamera schwenkt zu einem Choral in großer Entfernung um sie herum, fährt dann näher, man sieht die Tochter auf den Knien, dann schlägt sie los, die Kamera fährt wieder zurück – ein ritueller, ein „katholischer“ Vorgang jede Ohrfeige ist ein zeremonieller Akt der Kirche, in deren Namen die harte, verknöchert-fromme Mutter glaubt, strafen und sich für ein nicht gewolltes Kind rächen zu dürfen.