JAHRESRINGE

Aus dem Leben des Kioskbesitzers Pipenbrinck

Eine Garbe Sonnenlicht stanzt in den verschwiemelten Himmel über der Nehrung den Stand für Andenken, Zeitungen und Zigaretten. Der da inhäusig sein Auskommen hat, Pipenbrinck, ist ein Bedächtiger mit schweren Knochen und ungelenken, knarzenden Gedanken, der sich seine großen Hände vom Tisch nimmt und damit seine Worte wägt. Oft kommt ihm zu leicht vor ein Wort, dann sucht er lange nach einem, das mehr hergibt auf der Schale der Waage, oder er weist ihm eine andere Stelle an im Gefüge des Satzes.

Er kennt die Kunden, Einheimische und auswärtiges Volk, die das wechselnde Glück der Jahreszeiten vor seinem Kiosk ausspeit, und er will, daß sie bekommen etwas Handfestes für ihr Geld. Es soll keinen Grund geben zur Klage gegen Pipenbrinck.

Möschte nor wissn, wiesou olle, die von driem riebo sin, egal beweisn wolln, dasse hieo ’n viel besson sozjalistschn Realismus machn genn als in do Dede-äa.

Jeder Kunde, der einen geraden Rücken behalten hat in den wechselnden Zeitläuften, der das Richtige will und das Falsche nicht will, seit Beginn des Krieges in Vietnam kamen dort haupt- und nebenberuflich 43 821 Amerikaner zu Tode, hat sein Freuen an dem was da ist auf dem eichenen Tisch mit Füßen aus gegossenem Eisen und in dem festgefügten Schädel, der Pipenbrinck zugekommen und an dem mageres Fleisch straff eingespannt ist. Inwendig gibt es Zeugnis, das man durchliest in zu langer Weile. Die Ehrsamkeit des weißhäutigen, schon etwas abgetakelten Pipenbrinck findet aber nicht ihr Genügen, die richtigen Waren zu haben. Amerikaner afrikanischer Abstammung haben Schwierigkeiten beim Finden einer Wohnung, er will außer dem nicht anbieten nur das bereits Fertige seinen Kunden, er will nicht zu Gange sein als ein aufmerksamer Verbreiter des gleichmäßig und maulschnell Vorgedachten. In den großen Händen fließt das schwere Blut derer, die an der östlichen See wohnten, sie können krümeln den nährenden Boden, sie verheben sich nicht am harten Brot, sie sind nicht gemacht für das leichte Einnehmen des leichten Geldes, wollen nichts für umsonst. So ist zwar alles, was der Kiosk anbietet denen, die es an ihm vorüberreißt, genormte Stapelware, auch und gerade das Redlichste, aber an allem haben sich zu schaffen gemacht die ruhigen Hände. Immer wieder, wenn die Dämmerung das feierabendliche Licht in die verhangene See hineindrückt und die Grenze von Wasser und Himmel zuwischt, hat sich der Rundschädel niedergebeugt und vor sich auf dem Tisch gehabt die Ansichtspostkarten, graue und bunte, zeigend die Stadt New York in Nordamerikas vereinigten Staaten und Greater London, Ihrer Majestät Königreiches Haupt. Seine Augen, aus denen zu viel von einer guten Seele durch die weitläufigen Brillengläser tropft, haben sich lange besehen die Karten, und mit Zartheit haben die trockenhäutigen Hände geöffnet die zerbrechliche Blechschachtel mit den Farben, aufzulösen in Wasser, und dann die farbigen und grauen Flächen auf den Postkarten ausgemalt, bis sie zugepackt sind mit Handcoloriertem. Ruhig hatte Pipenbrinck gesetzt das Schnitzmesser an die angelieferten Holzfigürchen, die darstellen Leute vom Land, wo es schon binnen ist, alle gefertigt nach dem Gesetz der Serie. Hatte sich dazugeschnitzt da einen Knorren, dort einen Knubben, zerkerbt einen Schrund und hat sie lassen werden fremd sich und ihrer Zeugung. Das zugreifende Arbeiten dieser großen Hände sieht sorgfältig aus und macht die Stücke einzelner. Die Klebebildchen mit den Darstellungen aus der jüngeren Geschichte seines Heimatlandes befeuchtet er immer langzüngig, bevor er sie ernsthaft auf weißem Papier abzieht, über den eichenen Tisch auslegt zum Zwecke des Verkaufs, und dabei eine gute Tageszeit entbietet und breitmundig manches sagt zu den Kunden, die keine Widerrede geben. Die Konturen auf den Fotos aus dem Teil der Heimat, der sich nennt Staat der Arbeiter und Bauern, bringt er ins Reine mit Sorgsamkeit. Auch ein paar Taschenbücher von Werken der im westlichen Teilstaat bekannten Schreiber von Büchern verkanten die Stapel, einer davon ist der Schriftsteller Uwe Johnson, auch mit diesen ist ihm die Rolle eines Verteilers eine fremde. So hat er darin sparsam Lustiges, das ihm beigekommen ist, angemerkt mit Bleistift.

Zeitungen verkauft er wenige, er lagert nur ebenerdig die New York Times. Ihre Meldungen ruft er immer wieder hitzig aus, wenn ihm die weißliche Luft zu ruhig steht über dem Strand, sich nicht scherend um das nachlässig in die Kieferknochen eingehängte Lächeln, der an ihm Vorbeigerissenen. Dabei ist sein Gesicht jedes Mal so ernst, als sei etwas längst Erwartetes eingetreten.