Von Dietrich Bächler

Hans Castorp, der Gralsritter vom Zauberberg, lernt es im Schlafe: den rechten Umgang mit dem Tod. Angeregt vom Schneewind und ein wenig Portwein läßt ihn Thomas Mann vom „Blutmahl der Menschheit“ träumen, von der „Freiheit, Durchgängerei, Uniform und Lust des Todes“. Castorp „turnt sich empor“. Den Tod in das Leben einbeziehen, ohne ihm die Herrschaft einzuräumen über das Bewußtsein, rät ihm die Stimme seines literarischen Schöpfers.

Allzu leicht gesagt, deucht uns dieses Rezept heute nach Auschwitz, Hiroshima und Vietnam. Aber der Schlaf moderner Pädagogen bleibt selbst von solchen Träumen verschont. In ihrem bewundernswerten Optimismus halten sie sich bei Castorps Gruseln vor den menschenfressenden, Kinderknöchlein knackenden Hexen nicht lange auf. Der Träumer ist falsch programmiert, und Programme lassen sich ändern.

Für sie kommt der Mensch als unbeschriebenes Blatt auf die Welt, ein Computer mit leerem Kernspeicher, der darauf wartet, von seinen Erziehern „gefüttert“ zu werden.

Jedem Typ das ihm gemäße Programm in Maßkonfektion. Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn dabei nicht der taugliche Mensch herauskäme, der sozialtaugliche, berufstaugliche, natürlich auch liebestaugliche, schließlich hat er den Sexualatlas im Programm. Und mit dem Teufel kann es nicht zugehen; er wurde nicht eingespeichert.

Jede grundlegende Reform braucht ihre simplifizierende Ideologie. Die bisherige bürgerliche Bildungsideologie war sicher nicht geeignet, die Demokratisierung der Gesellschaft weiter zu fördern. Sie konnte auch nicht die wissenschaftliche Berufsausbildung auf breiter Basis als Voraussetzung für die industrielle Automation auf den Weg bringen. Da sie jedes Scheitern auf dem Bildungswege entweder der Erbmasse oder der Faulheit des Lernenden anlastete, blieb zwar das gute Gewissen der etablierten Bildungsinstitutionen, aber auch ihr geringer Wirkungsgrad erhalten.

Nein, vom statischen Modell des bürgerlichen Schulwesens ist der Computerideologie wenig entgegenzuhalten. Es fragt sich nur, ob sie ihr Ziel erreichen kann.