Von Günter Haaf

Die Bewegungen laufen bemerkenswert rapide ab“, erläuterte der Forscher; der zurückgelegte Weg „kann während der Lebensdauer eines Menschen dessen Körperlänge“ erreichen.

Um die Schnelligkeit der genannten Vorgänge – die Verschiebung ganzer Kontinente – zu verdeutlichen, führte der US-Geophysiker Robert Dietz zwei andere geologische Prozesse an: Gebirgsbildung und Erosion – beide Naturerscheinungen können allenfalls zentimetergroße Veränderungen der Erdoberfläche während eines Menschenalters bewirken.

Geschwindigkeitsfan Dietz gab sich indes nicht ausschließlich mit knappen menschlichen Zeitmaßen ab: Zusammen mit seinem Kollegen John Holden vom „U. S. Department of Commerce’s Environmental Science Services Administration (ESSA)“ extrapolierte er die kontinentale Wanderungsrate über „zwei Millionen Jahrhunderte“. Beide Wissenschaftler griffen bei ihren Recherchen, die kürzlich von der ESSA veröffentlicht wurden, auf die reichhaltigen Forschungsfunde von Geophysikern und Geologen, Paläontologen und Ozeanographen zurück. Ergebnis: fünf Weltkarten, auf denen die Wanderung der Kontinente über die Erdoberfläche in den letzten 225 Millionen Jahren erstmals wissenschaftlich fundiert aufgezeichnet ist.

Holden und Dietz gaben mit ihrem Kontinentalverschiebungsatlas eine ausführliche, Spielanleitung für ein wissenschaftliches Puzzle, dessen Anfänge bereits über 350 Jahre zurückliegen. Schon damals fiel dem englischen Philosophen Francis Bacon die Paßgenauigkeit der afrikanischen Westküste und der südamerikanischen Ostküste auf. Auch der deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt registrierte zu Beginn des letzten Jahrhunderts die fast nahtlose Übereinstimmung der beiden Südkontinente.

Freilich wagte erst ein Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts, die Vorstellung von der heilen, festgebauten Welt zu zerstören: 1912 veröffentlichte der deutsche Polarforscher und Meteorologe Alfred Wegener seine Theorie, nach der die Kontinente dieser Erde zu Urzeiten von einem gigantischen Alt-Erdteil abgebrochen und im Laufe von Jahrmillionen wie schwimmende Eisschollen über die Erdoberfläche zu. ihrem heutigen Standort gewandert seien.

Die damalige Fachwelt lehnte Wegeners Hypothese – trotz einiger handfester Beweise – fast einhellig ab. Welche Kraft, so fragten die Gelehrten, kann ganze Kontinente über Tausende von Kilometern verschieben? Wegener wußte darauf keine befriedigende Antwort. Dennoch bezweifelte er, daß „die alten Vorstellungen noch zehn Jahre zu leben haben“. Bei seinem Tod – 1930 im Gletschereis Grönlands – hatte sich die Kontinentalverschiebungstheorie freilich immer noch nicht durchgesetzt – vielmehr schlief die Diskussion um sie mehr und mehr ein.