Washington, im Oktober

Das Kapern von Flugzeugen, das Entführen und Ermorden von Politikern und Diplomaten sind zu einer in der ganzen Welt auftretenden und verabscheuten Form des politischen Kampfes radikaler Gruppen und Individuen gediehen. Weniger auffällig, aber nicht weniger gemeingefährlich ist das von Staats wegen praktizierte Festhalten von Häftlingen als Geiseln für die Erpressung anderer Länder.

Ein solcher Fall zeichnet sich für die Vereinigten Staaten in der Behandlung mehrerer amerikanischer Studenten ab, die in der DDR gefangengehalten werden. Der Student Marc Huessy wurde dort wegen staatsgefährdender Äußerungen zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt – ein Strafmaß, das noch über die Praxis nazistischer Volksgerichte hinausgeht. Zwei andere amerikanische Studenten, Jack Strickland und Lyle Jenkins, erhielten vier und zweieinhalb Jahre zudiktiert, weil sie der Freundin eines Kommilitonen, einer DDR-Bürgerin, zur Flucht nach dem Westen verhelfen wollten. Ein weiterer Amerikaner, Frank King, und ein Engländer, Michael Woodbridge, sitzen noch in Untersuchungshaft.

Bei ihren Bemühungen, über private Kanäle die Freilassung der Inhaftierten zu bewirken, haben die Amerikaner festgestellt, daß die DDR-Behörden dafür einen „Preis“ verlangen, der sich in einer völkerrechtlichen Aufwertung der Deutschen Demokratischen Republik ausdrücken soll. Vorstellungen des Botschafters Rush bei seinem sowjetischen Kollegen in Ostberlin, Abrassimow, blieben vorerst noch ohne Ergebnis. Jetzt hat die US-Regierung begonnen, die Erteilung von Visen an DDR-Bürger, die nach Amerika einreisen wollen, systematisch zu drosseln.

Wenn Ulbricht und Stoph glaubhaft machen wollen, ihnen sei viel an einer internationalen Respektierung ihres Staatswesens gelegen, müßten sie auf ihre Epressermethoden verzichten. Sie erreichen damit nichts – sie diskreditieren nur sich und ihren Staat. J. Schw.