Paris, im Oktober

In dem Dreigestirn junger Revolutionäre, deren Stimmen im stürmischen Mai des Jahres 1968 die Barrikadenkämpfer anfeuerten, war Alain Geismar, der jetzt von einem Pariser Gericht zu Gefängnis verurteilte Oberassistent an der naturwissenschaftlichen Fakultät der Sorbonne, die am wenigsten populäre Gestalt. Ihm fehlte jener Hauch von Romantik, der Daniel Cohn-Bendit, den „roten Dany“, und Jacques Sauvageot, den Führer des UNEF-Studentenverbandes, umgab. Der eine ist mehr und mehr in Vergessenheit geraten, seit er nach Deutschland abgeschoben wurde. Der andere hat nach fünfzehn Monaten Kasernenluft jetzt Berufssorgen und die Mitgliedskarte einer zwar radikalen, aber doch noch gesetzlich geschützten Partei. Nur Geismar hat weiter zum Barrikadenkampf, zur offenen Empörung, zum politischen Umsturz aufgerufen und wurde dafür jetzt zu achtzehn Monaten Gefängnis verurteilt.

Ein zweites Verfahren, diesmal vor dem Staatssicherheitsgericht, wird wegen Weiterführung verbotener Kampfverbände noch folgen. Da der Tatbestand nicht bestritten wird, wird Geismar wohl noch eine weitere Strafe erhalten. Das Gesamtmaß wird zeigen, für wie gefährlich die Gesellschaft ihn hält und welchen abschreckenden Denkzettel die Justiz angemessen findet.

Geismars Aussagen vor Gericht lassen den Schluß zu, daß er nach der Märtyrerkrone griff, weil er davon ausgeht, daß sein Zukunftsstaat rotchinesischen Musters die Gefängnisjahre seiner Visionäre doppelt zählt. „Wenn wir die Macht ergriffen haben“, so rief er dem Gericht zu, „dann wird es kein Recht mehr geben für die ehemaligen Ausbeuter, nicht einmal das Recht zur Existenz. Wir werden Volksgerichtshöfe haben ... Die Macht liegt an der Spitze der Gewehre...“

Er hat nicht bestritten, daß er am 25. Mai in einer Kundgebung seine Freunde aufrief, am 27. Mai „in der Straße gegen die Horden der Polizei zu kämpfen“ und daß er sich am gleichen 27. Mai einer Zeugenaussage zugunsten politischer Freunde versagte, weil sein Platz „auf der Straße war“. Das Gericht konnte in ihm also den unmittelbar Verantwortlichen für die Ausschreitungen des 27. Mai sehen, bei denen 79 Polizisten verletzt wurden. Er hat diese Verantwortung – im Gegensatz zu seinen Anwälten – auch nicht geleugnet. Er selbst ist mit sich und seinem Urteil im reinen.

Die französische Öffentlichkeit hat es sich im allgemeinen schwerer gemacht als Geismar und seine Richter. Sie fragt, warum nur Geismar zur Rechenschaft gezogen worden ist, nicht aber die anderen Redner, die bei der inkriminierten Versammlung vom 25. Mai ins gleiche Horn stießen – und warum nicht auch ein Mann wie Jean-Paul Sartre, der bei jeder Gelegenheit dieselben Töne anschlägt.

Nun kann Sartre, der sich krampfhaft bemüht, noch nachträglich den Anschluß an den Mai 1968 zu finden, keinerlei Anspruch darauf erheben, daß seine Artikel in der Wochenzeitung La Cause du Peuple oder seine Ansprachen vor Fabriktoren unmittelbar zu Aktionen geführt hätten. Der Staatsanwalt kann ihn deswegen „vergessen“. Aber für die weniger bekannten Redner vom 25. Mai gilt das Gesetz von Ursache und Wirkung, von Hetze und Gewalt, nicht weniger und nicht mehr als für Alain Geismar. Kein Wunder, daß nach allgemeinem Urteil Sartre einfach zu bekannt und die anderen zu unbekannt sind, um als Exempel zu dienen. Geismar war gerade recht.