Die Berlin-Pessimisten sind verstummt. Schon in den letzten beiden Jahren waren die Wachstumsraten der Berliner Wirtschaft überdurchschnittlich und erreichten westdeutsches Niveau; der Aufschwung der Stadt aus der Rezession widerlegte alles Gerede von einer Strukturkrise. In den ersten neun Monaten dieses Jahres wurden die Vorjahresergebnisse noch übertroffen.

Besonders erfreut sind Senat und Wirtschaft über die Zuwanderung von Arbeitskräften, denn der leergefegte Arbeitsmarkt drohte zu einer Wachstumsbremse zu werden. Wegen der schlechten Altersstruktur der Stadt scheiden nämlich mehr West-Berliner aus dem Berufsleben aus, als aus der West-Berliner Bevölkerung ersetzt werden können. Dieses Defizit kann nur ausgeglichen werden, wenn jährlich 20 000 Arbeitskräfte mehr nach Berlin kommen als von dort fortziehen.

Dieser Traum der Berliner Wirtschaftspolitiker hat sich jetzt erfüllt. In den letzten beiden Monaten ist die Zahl der Arbeitnehmer in Berlin sogar gestiegen. Es zeigt sich, daß Berlin nicht nur für Türken und Jugoslawen, sondernauch für Westdeutsche attraktiv ist. Während in den ersten neun Monaten des Jahres 1967 nur knapp 10 000 westdeutsche Arbeitnehmer nach Berlin kamen, waren es 1968 rund 13 000, im darauffolgenden Jahr fast 22 000 und von Januar bis September dieses Jahres 26 467. Von Ende September 1969 bis Ende September dieses Jahres ist darüber hinaus die Zahl der ausländischen Arbeitnehmer um 23 441 auf 62 613 gestiegen.

Im November vergangenen Jahres schrieb Rainer Waterkamp in der Zeitschrift "Deutschland Archiv"; "Die Attraktivität Berlins für westdeutsche Arbeitnehmer ist also nach wie vor negativ." Die Berliner Luft, so meinte er, "wird vermutlich bald so dünn werden, daß der Berliner Wirtschaft der Atem ausgeht". Seitdem verhüllen die Propheten der Berliner Wirtschaftskrise ihr Haupt.

Eine andere Fehlleistung läßt sich zwar nicht an der Berliner Beschäftigtenstatistik, aber um so deutlicher auf dem Berliner Arbeitsmarkt erkennen. Die Zahl der illegalen Einwanderer aus der Türkei hat sich verdreifacht. Unter den registrierten ausländischen Arbeitskräften stellen die Türken mit 25 500 vor den Jugoslawen (17 700) das größte Kontingent. Außerdem arbeiten nach Schätzungen rund 15 000 Türken illegal in Berlin. Andere Städte, vor allem Stuttgart, haben das gleiche Problem. Der türkische Staatspräsident Sunay hat sich bei seinem Besuch in Deutschland in der letzten Woche dafür eingesetzt, daß diese illegalen Zuwanderer in Deutschland bleiben können. Die Bundesregierung hat für diesen Wunsch durchaus Verständnis, zumal die Türken, die für die Reise nach Deutschland meist Haus und Hof verkauft haben, nur noch in Slums leben könnten, würde man sie jetzt zurückschicken.

In einem Gespräch des türkischen Arbeitsministers mit der IG Metall ist deshalb von den Gewerkschaftlern der Vorschlag in die Debatte geworfen worden, allen Türken, die bis zum 31. Dezember dieses Jahres in Deutschland sind, Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis zu gewähren. Der türkische Minister nahm auf Grund eines Mißverständnisses an, eine solche Regelung sei bereits in Kraft. Sein Ministerium veröffentlichte eine entsprechende Pressemitteilung, deren Inhalt sich bei den arbesuchenden Türken mit Windeseile herumsprach. Sie alle möchten noch zum Jahresende in Deutschland sein. Seitdem kommen, allein über den Ost-Berliner Flughafen Schönefeld – meist in bulgarischen Flugzeugen – dreimal so viel Türken nach West-Berlin als noch vor wenigen Wochen – Bauern aus Anatolien, als Touristen getarnt. Joachim Nawrocki