Berlin, im Oktober

Vier Tage Zeit nahm sich Walter Ulbricht mitsamt seiner Führungsspitze für seine Mission in Prag. Heikel: Denn seit dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten vor zwei Jahren kam Ulbricht zum ersten Male in die Tschechoslowakei. Er, einer der eifrigsten Befürworter dieser Intervention, suchte nun Beistand für seine Ziele: für die völkerrechtliche Anerkennung der DDR, ihre Aufnahme in die Vereinten Nationen und gegen die Entkrampfung der innerdeutschen Beziehungen.

Der ostdeutschen Beteiligung an der Intervention stellte Ulbricht die tschechoslowakische Hilfe beim Bau der Berliner Sperrmauer gegenüber; das eine wie das andere seien selbstverständliche Hilfe in einer schwierigen Lage gewesen.

Ein voller Erfolg blieb den Ost-Berliner Genossen schließlich versagt. Husák und Strougal ließen sich nicht bedingungslos auf die Deutschlandpolitik der SED festnageln. Was Husák zur „Normalisierung von Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten“ sagte, erinnerte ebensosehr an Willy Brandts zwanzig Kasseler Punkte wie an Ulbrichts Vertragsentwurf. Davon, daß Prag die völkerrechtliche Anerkennung der DDR durch Bonn vor die Regelung seiner eigenen Beziehungen zur Bundesrepublik stellt, war auch diesmal nicht mehr die Rede. Dagegen unterstützt die SED die Forderung, daß die Bundesrepublik das Münchner Abkommen als „von Anfang an“ ungültig erklären müsse. Damit, so scheint sie zu glauben, ist einer schnellen Annäherung zwischen Bonn und Prag wenigstens etwas vorgebeugt. J. N.