Er war schon ein Who’s-Who-wer: Helmuth de Haas, Jahrgang 1927, Dr. phil., Lyriker, Essayist, Übersetzer, Mitglied des PEN-Clubs, Texte zu ... Doch was schon war das?

Feststellung Nummer eins: In der Hauptsache war er Journalist; und hätte er, was unlängst als Literatenspiel Honorar einbrachte, seinen Nachruf selbst geschrieben, er wäre auch dabei Journalist gewesen und hätte eine Halbdutzend-Zeilen-Meldung formuliert und pointiert: Wer, wann, wo, wie und – ja, warum?

Helmuth de Haas ist gestorben. Die meisten Blätter haben es kurz berichtet; ein nicht unbekannter Redakteur ist tot, eine Personalie vom Vortag. Die überregionalen Zeitungen haben den Toten „gewürdigt“, nett in der Eile, ein bißchen denkmalpflegerisch: „Er war eine Entdeckung von Gottfried Benn(Frankfurter Allgemeine Zeitung). „Er war Schüler von Ernst Robert Curtius“ (Die Welt). „Er war rasch, witzig und sehr gebildet“ (Süddeutsche Zeitung). „Das manchmal Verspielte“ stand bei ihm „vor dem ernsten Hintergrund literarischer Belesenheit und literarischen Engagements“ (Die Welt). Sein Tod hat „eine fühlbare Lücke verursacht in unserer publizistischen Welt“ (Süddeutsche Zeitung). Er war einer „jener seltenen Feuilletonisten, die stundenlang über eine Seite bei Valéry Larbaud oder Léon-Paul Fargue diskutieren konnten“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung).

Feststellung Nummer zwei: Helmuth de Haas konnte stundenlang Karten spielen; und besser noch als sein gewinnmaximierendes Spiel war seine Skatprosa.

Sein erster Lyrikband, „Prager Elegien“, erschien 1949, ein zweiter, „Lineaturen“, 1955, als – er auch Essays unter dem Titel „Das geteilte Atelier“ zum Buch bündelte. Anlaß genug gab’s weiterhin, ihm eine Art Attest seiner Hochgeistigkeit auszustellen; aber im Grunde war das alles Training für die Tagesarbeit. Er war Journalist auf exemplarische Weise.

Feststellung Nummer drei: Helmuth de Haas war Perfektionist. Daß er in der Gefahr der Oberflächlichkeit nicht umkam, davor bewahrte ihn unter anderem seine spezifische Art des Schreibens. Er schrieb Florett. Er konnte in Vokabeln schwelgen, ausschweifend sein, abschweifend nie. Er konnte mit Worten auch geizen, wobei die Worte ihm zu Bonmots gerieten.

Wir waren Duzkollegen; seine rheinische Wendigkeit konnte zuweilen allzu wendig wirken. Doch das gehört zum Journalisten, der sich nicht auf Spezialgebiete festlegen will, mag er auch mehr als ein Feld allein als Fachmann beackern können. Er hat Aufnahmen berühmter Photographen betextet; er hat den deutschen Text zu „Tatis Schützenfest“, einem tragikomischen französischen Film, geschrieben und überhaupt den laufenden Bildern Beine gemacht. Gewiß, er war Rezensent, der heimzahlte, zuweilen in Wechselmünze, Kulturkorrespondent im Ruhrgebiet. Aber er konnte auch Fußballspiele kritisieren und tat das. Er berichtete vom Volant des ersten Rolls-Royce, der in die Düsseldorfer Konjunkturkurve ging. Er gelangte durch die Polstertür ins Kölner Kontor von Robert Pferdmenges, führte mit dem publicityscheuen Bankier ein stundenlanges Gespräch, schrieb darüber und machte keinen Hehl daraus: Diese Leistung war groß, weil journalistisch.