Von Manfred Durzak

Flias Canetti, der in diesem Jahr fünfundsechzig wurde, blickt auf ein an Paradoxien reiches schriftstellerisches Œuvre zurück. Er ist ein Autor, der die literarischen Gattungen, Roman und Drama, hinter sich läßt. In den Reflexionen von „Masse und Macht“ vereint er mit polyhistorischem Zugriff die Einzeldisziplinen von Geschichte, Ethnologie, von Soziologie, Psychologie und Anthropologie zu einem großangelegten kulturhistorischen Essay. Die Furcht des Menschen vor der Berührung durch Unbekanntes, worüber Canetti dort einführend spricht, wird an der zum Mythos gewordenen Masse exemplifiziert; die irrationale Aura dieses Phänomens wird zum Gegenstand der Reflexion gemacht.

Wenn die Definitionsformel poeta doctus je auf einen Autor zutrifft, so auf Canetti. Die am Beispiel von Musil und Broch zum Signum des modernen. Schriftstellers gewordene Aufgeschlossenheit für den naturwissenschaftlichen Bereich gilt ebenso für ihn. Der promovierte Chemiker Canetti gesteht bei aller Skepsis in der Einschätzung dieses Studiums für seine schriftstellerische Arbeit noch heute ein, daß das, was mit dem Schlüsselwort Struktur die formale Organisation seiner Arbeiten bezeichnet, ohne die analytische Schulung durch jenes Studium nicht denkbar wäre.

Aber nicht „Masse und Macht“ – auch das eine der Paradoxien – hat Canetti in Deutschland bekannt gemacht. Dieses Buch, das in der angelsächsischen Welt hochgeschätzt wird und dem sich als Muster luzider wissenschaftlicher Prosa wenig Gleichwertiges an die Seite stellen läßt, ist in Deutschland nahezu unbekannt. Wie denn überhaupt für Canettis literarisches Hauptwerk, den Roman „Die Blendung“, gilt, daß das Buch in England, wo er seit 1939 ununterbrochen lebt, längst als eines der maßgebenden Beispiele moderner Epik anerkannt war, bevor man in Deutschland und Österreich – in den letzten Jahren – seinen Rang wiederentdeckte. Die Nähe dieses Romans zu Musils „Mann ohne Eigenschaften“ oder Brochs „Schlafwandlern“ ist nicht nur im Thematischen gegeben. Die Parabel von der intellektuellen Erblindung und schließlichen Zerstörung des exzeptionellen Geisteswissenschaftlers, des Sinologen Peter Kien, erweist sich als eine Variation jener epischen Analysen einer in Auflösung begriffenen Welt, die im österreichischen Kulturraum bei Musil, Broch, bei Canetti fast gleichzeitig entstanden.

Canetti, der keineswegs die Rolle eines Exilierten für sich beansprucht, der, mit einer großen sprachlichen Verwandlungsfähigkeit begabt, eigentlich in vier „Muttersprachen“ gleichzeitig wurzelt, dem Altspanischen, dem Bulgarischen, dem Englischen und dem Deutschen, lebt in England nicht in einer kulturellen Enklave; er nimmt’ am literarischen Leben teil. Ja, er hat selbst, wenn auch eher verdeckt, in der deutschen Literatur der letzten Jahrzehnte „schulebildend“ gewirkt: Erich Fried und Jakov Lind seien als Beispiele genannt. Selbst der spektakulärste Roman der deutschen Literatur in der Nachkriegszeit, die „Blechtrommel“ von Günter Grass, deutet in der Darstellungstechnik, in der physiognomischen Statur des Protagonisten auf Canettis „Blendung“ zurück: Ist nicht der blechtrommelnde Oskar Matzerath, ein jüngerer Verwandter jenes von seinen Schachphantasien beherrschten Zwerges Fischerle, der im Mittelalter der „Blendung“ neben Kien zur Hauptfigur wird?

Eine der weiteren Paradoxien, die mit Canettis Werk verbunden sind, besteht darin, daß sein literarisches Gewicht auf eine Leistung zurückweist, die vor mehr als einer Generation entstanden ist. „Die Blendung“ war 1931 abgeschlossen und erschien vier Jahre später im Druck: der Wurf eines Sechsundzwanzigjährigen also, wie man ungläubig konstatiert. Auch von den drei Dramen gehören zwei, die 1932 erschienene „Hochzeit“ und die zwei Jahre später vollendete „Komödie der Eitelkeit“, zur eruptiven Schaffensphase des noch nicht dreißigjährigen Autors. Lediglich das dritte Stück, „Die Befristeten“, das 1952 veröffentlicht wurde, und die „Stimmen von Marrakesch“, die Anfang der sechziger Jahre erschienen, repräsentieren das Spätwerk Canettis.

Die Verzögerung ist sicherlich auch eine Folge jenes geistigen Exodus, von dem Canetti wie viele andere Ende der dreißiger Jahre erfaß; wurde und der seine literarische Wirkung in dem Land, in dessen Sprache er schreibt, erschwerte, ja zeitweise völlig zum Erliegen brachte. Daß Canetti nun im Alter der Tribut entrichtet wird, den sein Werk eigentlich schon vor mehr als einer Generation beanspruchen konnte, mag ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit sein.