Ansätze zur Reform: Radikale Abkehr vom 19. Jahrhundert

Von Nina Grunenberg

Als der Bundestag Mitte Oktober über den Bildungsbericht debattierte, eröffnete der kulturpolitische Sprecher der Opposition, Berthold Martin, die Aussprache mit den Worten: "Wenn ich mir das Plenum ansehe, was an sich ja ‚die Fülle‘ heißt, komme ich auf die Idee, daß der Prediger in der Wüste in einer unvergleichlich besseren Situation war als ein kulturpolitischer Sprecher im Bundestag."

Während der Rede von Bundeswissenschaftsminister Hans Leussink waren von 518 Abgeordneten nur 50 im Plenum. Davon konnten als Sachverständige im engeren Sinne die 25 Mitglieder des Kulturpolitischen Ausschusses gelten. Die von Bundeskanzler Willy Brandt in der Debatte noch einmal bekräftigte Absicht, die Bildung zum "Kernstück" der inneren Reformen zu machen, steht im umgekehrten Verhältnis zur bildungspolitischen Kenntnis und Phantasie von neunzig Prozent der Abgeordneten und ihrer Wähler. Wie kaum ein anderes Thema entzieht sich die Bildungspolitik dem berühmten ersten Blick, den der interessierte Laie braucht, um sich für eine Sache erwärmen zu können. Unrealistisch wäre es auch, auf den "zündenden Funken" oder den "großen Durchbruch" zu hoffen. Es wird sie nicht geben.

Daß jetzt allmählich ein Rahmen sichtbar wird, in dem das immense Reformvorhaben verwirklicht werden soll, war die blasse Frucht der Geduld, des langsamen, zähen Bemühens und überraschte die Bildungspolitiker in Bund und Länder am meisten. Außer ihnen weiß es kaum jemand: Der Reformzug ist abgefahren, die Richtung ist bekannt, die Weichen sind gestellt, das Tempo beschleunigt sich zusehends. Aber der Blick auf die Szene ist verstellt: von Grundgesetzänderungen und tausendseitigen Gutachten, von alten Gremien und neuen Ausschüssen, von Kompetenzen und Steuerfragen, von Quantitätsmodellen und aufgebrachten Kultusministern.

Welches sind nun die wichtigsten Zahlen, Daten und Fakten, nach denen das neue Bildungssystem gebaut werden soll?

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