In einer vorwiegend politischen Zeit wird selten ein reines Kunstwerk entstehen. Der Dichter in solcher Zeit gleicht dem Schiffer auf stürmischem Meere, welcher fern am Strande ein Kloster auf einer Felsklippe ragen sieht; die weißen Nonnen stehen dort singend, aber der Sturm überschrillt ihren Gesang.

Heinrich Heine

Ski und Trenker gut

Das Alibi der großen Zahl wird beim Fernsehen von jeher mit großem Ernst benutzt, sei es, um etwas zu beweisen, sei es, um Beweise zu stürzen. Dazu eignen sich am besten die vor Fernsehschirmen gezählten – und dann mit Multiplikatoren wie 1000 aufgerundeten – Menschen. Zum Beispiel wurde damit jetzt eine bisher unumstößliche Gewißheit umgestoßen, nämlich die, daß die Deutschen so ungemein krimiselig seien. Sind sie aber gar nicht. Sie sind, wie der jüngsten Summe zu entnehmen ist, zur Zeit ganz besonders skiselig. Unter den Betrachtern der Mainzelmännchen-Reizstücke fanden sich die meisten Seher nicht unter der Rubrik „Krimi“ – speziell: Percy Stuart –, sondern unter Rubrik „Skiabenteuer“ – speziell: die „Luftsprünge“, welche von Vivi Bach, Toni Sailer und, vor allem, von Luis Trenker vollführt werden. Vivi Bach ist eine hübsche Frau, Toni Sailer ein hervorragender Skiläufer, Luis Trenker ist mehr: gestern ein Bergheld, heute immer noch ein prächtiger Mensch, mit einem Gesicht aus Leder, das die Sonnen von Matterhorn und Piz Palu und anderen steilen Naturdenkmälern gegerbt haben. Vielleicht stimmt es, daß es dieser alte Kerl von nunmehr 78 Jahren ist, der den Leuten imponiert, auch weil er’s so nett macht, auch weil er so sauber ist und eine so ehrliche, holprige, brüchige Stimme hat. Der ZDF-Wetterbericht meldet jedenfalls: Ski und Trenker gut.

In Gnade gefallen: Martin Walser

Die Stimmung in Moskau ist günstig, im Zeichen des Vertrages der BRD mit der UdSSR lassen sich auch deutsche Autoren ganz gut loben. Doch wen nimmt man da? Heinrich Böll, der im Ansehen an erster Stelle steht, ist viel ins Russische übersetzt und schon viel gepriesen worden. Und er macht in letzter Zeit sicherlich auch Kopfzerbrechen, da er sich dezidiert für Solshenizyn erklärt hat. Peter Weiss ist in Ungnade gefallen, seit er sein Trotzkij-Stück schrieb. Nun, da ist Martin Walser geradezu ein idealer Fall: In der vorigen Woche erschien in der Moskauer Literaturnaja Gaseta“ ein langer Artikel über Walser, ein Hymnus, wenn auch sostenuto. Der Romancier wird wegen seiner kritischen Haltung gegenüber der westdeutschen Konsumgesellschaft und verschiedenen Zügen der „Bonner Realität“ gepriesen: gegenüber dem offiziellen Kurs, der, wie es heißt, verquickt war mit Tendenzen des Militarismus, Revanchismus und Antikommunismus. Das Satirische an Walsers Stil provoziert bei der Verfasserin des Artikels, I. Mletschina, Vergleiche mit Gogolj und Heinrich Mann. Das Lob Walsers könnte von Dauer sein – es sei denn, daß auch er eines Tages einen „Fall Trotzkij“ präsentiert...